Nachrichtensendungen des 1. und 2. Programms der vorigen Woche aus Anlaß des Todes von Senator Robert F. Kennedy

Das ist erschreckend zu sehen: Wenn die Männer, die 100 Sekunden später nur noch fleischige Blutklumpen sein werden, mit pendelnden Armen ihre Schlitten anschieben; wenn die Astronauten (Minuten danach sind sie verglüht) sich fröhlich aus ihrer Sargkapsel melden; wenn der Senator, im Augenblick vor der Ermordung, die Welt von morgen, die Welt ohne Haß mit beschwörenden Worten verherrlicht.

An Tagen wie diesen sieht der Betrachter am Bildschirm Politiker und Sportler, Kommentatoren und Stars mit anderen Augen an als gewöhnlich. Das media in vita verliert seinen akademischen Sprichwortcharakter: Den Tänzer, der sich zwischen Tango und Walzer mit der Partnerin bespricht, kann ein Herzschlag ereilen; den letzten der Brüder – Ted, der mit stockender Stimme den Traum des Toten, seine utopische Hoffnung, erwähnt – mag vor der Tür ein Gangster aus Houston oder Chikago erwarten; der Rennfahrer (war’s Scarfiotti?), der behutsam, zweimal, dreimal, die Brille anlupft, könnte aus der Bahn getragen werden.

Das ist erschreckend zu sehen: dieses Planen und Projektieren, an Ziele und Siege, Expeditionen und Wahlen, mögliche Gewinne und wahrscheinliche Niederlagen Denken – in einem Augenblick, da der Zuschauer meistens schon weiß, daß alle Pläne umsonst sind. Und wie doppelt erschreckend das Bemühen der Kameramänner, dort eine Kontinuität vorzugaukeln, wo es in Wahrheit um etwas geht, das, mag’s Durchbruch, Ende oder kleiner Übertritt heißen, zumindest nicht als eine optische Sequenz dargestellt werden kann. Dieses Bedauern und Sichentschuldigen, daß man den Senator ausgerechnet ein paar Meter vor dem Mordplatz aus den Augen, den Linsen-Augen, verlor, daß man ihm nicht noch bis zum Ende des Hotelgangs folgte, daß man keine Brücke hergestellt habe zwischen dem winkenden Sieger auf seinem Podest und dem stöhnenden, nach dem Rosenkranz tastenden Mann auf der Erde: ein Königreich für eine Ruby-Oswald-Reprise! (Als ob es eine bessere Verbindung zwischen dem Triumph- und dem Sarg-Bild geben könnte als das gespenstische „Hörfunk-Photo“: verwischte Gesichter, zuckende Leiber, das Schreien und Schluchzen und Weinen.)

Nun, über dergleichen zu meditieren wäre Sache eines geistlichen Zuspruchs gewesen, auf den ich in diesen Tagen ebenso wartete wie, als Ergänzung dazu, auf eine weniger personalistisch, aber stärker gesellschaftskritisch akzentuierte Betrachtung über jene Politik der Gewalt, die den Zusammenhang von Napalm-Mord in Vietnam und Kugelmord in Kalifornien selbst jetzt – und gerade jetzt! – nicht wahrhaben will.

Ein Kommentar von Günther Anders am Attentatsabend: das wäre nützlich gewesen und hätte, als Pendant zu einem vom Geist der demütigen Kirche getragenen Sermon, vielleicht doch einigen die Augen geöffnet über das Schreckens-Abc der Aggression. Momos