Das Recht des öffentlichen Dienstes ist „unter Berücksichtigung der hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums zu regeln“, heißt es im Grundgesetz.

Aber die hergebrachten Grundsätze vertragen sich schlecht mit Streik. In Nürnberg, bei der Tagung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der größten deutschen Lehrerorganisation, verschwanden sie endgültig in der Versenkung. Der neugewählte Vorsitzende Erich Frister, SPD-Mitglied und ein Vierteljahrhundert jünger als sein friedlicher und um Ausgleich bemühter Vorgänger Heinrich Rodenstock, nannte die Lehrer-Gewerkschaft einen „Unruhefaktor“ und befand: „Arbeitsniederlegungen werden als Mittel zur Durchsetzung bildungspolitischer Forderungen nicht mehr ausgeschlossen.“

Das Streikrecht wurde in die Satzung der Gewerkschaft aufgenommen. Und es soll sich eindeutig nicht nur auf Lohn- und Gehaltsforderungen beziehen – was allein schon sich mit den Grundsätzen eines staatstreuen Beamten nicht verträgt, der hoffnungsfroh auf die nächste Gehaltserhöhung zu warten hat und schlechte Bezahlung durch gute Haltung wettmacht.

Nein, die Lehrer wollen auch dann auf die Straße gehen, wenn sie Unvernunft in der Politik feststellen, in der Bildungspolitik zumal. Kein Wunder, daß das Bundesinnenministerium gleich auf die Barrikaden ging, die Beamtenorganisationen sich vorsichtig distanzierten, der schleswigholsteinische Ministerpräsident die Entscheidung „nicht nur ungesetzlich, sondern verfassungswidrig“ nannte. Daß seine Lehrer sich an solchen Aktionen beteiligen würden, könne er sich nicht vorstellen.

Aber der weitestgehende Antrag zur Streikfrage für Beamte kam gerade vom schleswigholsteinischen Landesverband der GEW. – Wenn Lehrer streiken, „dann gibt das Berufsbeamtentum sich selbst auf“, sagte dazu ihr Landesvater.

Na, und wenn schon? Müssen denn die Erzieher an deutschen Schulen unbedingt Staatsdiener sein? Die Landtage sollten jetzt nicht mit Verfassungsklagen kommen, sondern in parlamentarischen Debatten darüber nachdenken.

Es könnte scheinen, als seien die Lehrer nur für ihren eigenen Status empfindlich geworden. Damit keine Mißverständnisse aufkommen: In Nürnberg wurde das Mitbestimmungsrecht auch für Schüler verlangt und ja zur Gesamtschule gesagt. Die Lehrer wissen also sehr wohl, wofür sie auf die Straße gehen würden, wenn bildungspolitische Entscheidungen wieder nur die Schule von gestern meinen, obwohl sie dauernd Fortschritt sagen. Hilke Schlaeger