Könnte die Bundesrepublik nach Osten ausbrechen?

Von George W. Ball

Ich habe das Deutschland von 1945 als ein Bild der Unordnung in Erinnerung – eine verbrannte, surrealistische Landschaft, die in ihrem makabren Durcheinander an Fausts Walpurgisnacht auf dem Blocksberg denken ließ. Zur rechten Zeit änderte sich alles. Meine berufliche Tätigkeit brachte es mit sich, daß ich in den späten vierziger und in den fünfziger Jahren zwischen Amerika und Europa hin- und herpendelte (insgesamt waren es hundert oder mehr Reisen); dabei konnte ich aus erster Hand beobachten, wie sich die Szenerie veränderte.

Hitler hinterließ Deutschland eine finstere Erbschaft: die Tatsache seiner politischen Rolle in der Katastrophe – ein Kainszeichen, das für lange Zeit bleiben wird. Dieses Kainsmal macht Deutschlands Nachbarn empfindlich gegenüber seiner wachsenden Macht und legt seiner Entscheidungsfreiheit gewisse Beschränkungen auf. Doch die Lehre von der Erbsünde hat keinen Platz in der Weltpolitik; und diejenigen, die sie zu etwas Strukturellem und Dauerndem erheben möchten, versündigen sich selbst wider die Erfahrung und wider den gesunden Menschenverstand. Eine neue Generation wächst in Deutschland heran, die besondere Beschränkungen nicht willentlich hinnehmen wird.

Verständlich ausgedrückt bedeutet es, daß Deutschland die Völker Europas durch seine Größe, Macht, Geschichte und Psychologie ängstigt. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs existiert die latente Befürchtung, daß Deutschlands wiedererwachende Kraft noch einmal den Frieden der Welt stören könnte. Diese Befürchtungen werden in Amerika bei weitem nicht mit derselben Intensität empfunden, weil wir größer sind als Deutschland und uns ein Ozean von ihm trennt. Da wir niemals die direkten Auswirkungen seiner militärischen Aggressivität spürten, war es für uns verhältnismäßig leicht, die Bundesrepublik als engen Bundesgenossen zu akzeptieren, und seit nun fast zwei Jahrzehnten bilden unsere Truppen und unsere Atommacht das Rückgrat seiner Verteidigung.

Gefährliche Selbsttäuschung

In diesem Zeitraum haben wir uns intensiv mit dem Problem der deutschen Wiedervereinigung befaßt, doch nicht in der Überzeugung, daß sie innerhalb der nächsten Jahre erreicht werden könnte. Das war für uns keine angenehme Erfahrung, denn es gehört zu den begründeten Klischees über uns, daß die Amerikaner sich mit unlösbaren Problemen nicht wohlfühlen. So hat uns im Laufe der Zeit in bezug auf Deutschland eine gewisse Langeweile erfaßt – eine Langeweile, die eine starke Komponente der Selbsttäuschung enthält. Man hört mehr und mehr, das deutsche Problem sei letztlich nicht mehr von überragender Bedeutung, wir seien zu lange schon Sklaven deutscher Neurosen und Ängste gewesen und sollten den teutonischen Empfindsamkeiten nicht mehr so viel Beachtung schenken. Die Deutschen hätten „ihre Lektion gelernt“, und da sie heute eine fette, glückliche und „gemütliche Bourgeoisie“ seien, so täten wir gut daran, der deutschen Regierung und dem deutschen Volk nicht mehr soviel Aufmerksamkeit zu schenken. Statt dessen sollten wir uns auf die Schaffung einer zweiseitiken Verständigung mit Moskau konzentrieren.