Von Robert F. Kennedy

Wenn man im Flugzeug über Europa nach Afrika oder Asien fliegt, überquert man in wenigen Stunden Meere und Länder, die ein Schmelztiegel der Geschichte gewesen sind. In Minuten läßt sich der Weg jahrtausendelanger Wanderungen des Menschen überschauen; in Sekunden, nach flüchtigem Blick, läßt man Schlachtfelder hinter sich, auf denen Millionen von Menschen einst kämpften und starben.

Man sieht keine nationalen Grenzen, keine tiefen Klüfte oder hohen Mauern, die Volk von Volk trennen; nur die Natur und die Werke des Menschen: Häuser und Fabriken und Bauernhöfe, die überall die gemeinsamen Anstrengungen des Menschen widerspiegeln, sein Leben zu verbessern. Überall führen moderne Technik und moderne Kommunikationsmittel Menschen und Nationen näher zusammen, die Sorgen des einen werden mehr zur Sorge aller. Und unsere neugewonnene Nähe reißt die Masken ab, entlarvt die Illusion der Unterschiedlichkeit – die Wurzel von Ungerechtigkeit und Haß und Krieg.

Vor jeder Nation liegen verschiedene Hindernisse und verschiedene Ziele, geformt von den Launen ihrer Geschichte und den Zufälligkeiten ihrer Erfahrung. Doch wenn ich in aller Welt mit jungen Menschen spreche, beeindruckt mich nicht die Verschiedenheit, sondern die Gleichartigkeit ihrer Ziele, ihrer Wünsche und Sorgen und Hoffnungen für die Zukunft. Es gibt Diskriminerung in New York, Apartheid in Südafrika und Leibeigenschaft in den Bergen von Peru. Menschen verhungern auf den Straßen Indiens; Intellektuelle gehen in Rußland ins Gefängnis; Tausende werden in Indonesien hingeschlachtet; Unsummen werden allenthalben für die Rüstung ausgegeben. Es sind verschiedene übel, aber sie alle sind das Werk des Menschen.

Sie bezeugen die Unvollkommenheit menschlicher Gerechtigkeit, die Unzulänglichkeit menschlicher Anteilnahme, die Mangelhaftigkeit unserer Empfindsamkeit für das Leiden unserer Mitmenschen; sie bezeichnen die Grenze unserer Fähigkeit, Wissen zum Wohle anderer zu verwenden. Und deshalb verlangen sie gemeinsame Eigenschaften: Gewissensschärfe und Entrüstungsfähigkeit, die Entschlossenheit, dem unnötigen Leiden unserer Mitmenschen im eigenen Land und überall in der Welt ein Ende zu machen.

Unsere Antwort bringt die Hoffnung der Welt. Wir müssen auf die Jugend bauen – nicht auf das Lebensalter, sondern auf eine bestimmte Geisteshaltung, eine Intensität des Willens, eine Qualität der Phantasie, ein Vorwiegen des Mutes über der Zaghaftigkeit, der Lust auf Abenteuer über den Hang zur Bequemlichkeit. Die Grausamkeiten und die Hindernisse auf unserem rasch sich wandelnden Planeten werden überholten Dogmen und abgenutzten Schlagworten nicht weichen. Die Welt kann nicht bewegt werden von jenen, die sich an eine bereits absterbende Gegenwart klammern und die Illusion der Sicherheit jener Anregung und jener Gefahr vorziehen, die selbst der friedlichste Fortschritt birgt. Wir leben in einer revolutionären Welt; und unserer Generation, hier und überall in der Welt, ist größere Verantwortung aufgebürdet worden als je einer Generation vor ihr.

„Nichts ist schwieriger zu beginnen“, schrieb ein italienischer Philosoph, „nichts gefährlicher durchzuführen oder des Erfolges ungewisser als dies: sich bei der Einführung einer neuen Ordnung der Dinge an die Spitze zu setzen.“ Doch dies ist der Maßstab, an dem unsere Generation ihre Aufgaben messen muß. Viele Gefahren lauern dabei am Wege.