Von Eberhard Stammler

Die Ehe hat sich mit einer frappierenden Lebenskraft über die Geschichtsepochen hinweg behauptet. In Zahlen drückt sich das gegenwärtige Bild zum Beispiel so aus: Nach einer von Ludwig von Friedeburg veröffentlichten Umfrage erklärten 85 Prozent der Bundesbürger, daß sie mit ihrer Ehe zufrieden seien, und 79 Prozent behaupteten, daß sie in den sexuellen ehelichen Beziehungen ein ausgeglichenes Leben führten.

Wie sich die Ehe behauptete, so hat sie sich allerdings auch gewandelt. Die Rebellionsäußerungen werden bei weitem überbewertet, wenn man in ihnen einen kühnen Aufstand vermuten wollte, der erstmalig, endlich und endgültig mit der verlogenen Institution der Ehe abrechnet; denn seit Jahrhunderten schon löst eine Protestwelle die andere ab: im selben Tempo, im gleichen Rhythmus, in dem sich die Gesellschaft wandelte und sich der Mensch emanzipierte.

Die Romantik erst führte zu der Entdeckung, man müsse sich lieben, um zu heiraten, und die Ehe werde durch die Liebe konstituiert. Damit war natürlich ein gewaltiger Anspruch verbunden: der Anspruch, den anderen ganz zu besitzen und diesen Besitz auf Lebenszeit zu legalisieren. Ganz: das heißt, den andern nicht nur in seinen ökonomischen oder geschlechtlichen Funktionen, sondern als Person, die sich mit ganzem Wesen hingibt.

Seitdem die Liebe – die so verstandene Liebe – zum beherrschenden Motiv wurde, hat die Ehe gewiß an Intensität und Attraktivität erheblich gewonnen, zugleich aber wurde sie zerbrechlicher. Sie wurde zerbrechlich, weil diese totale Intimgemeinschaft auf den „Idealpartner“ angelegt ist und weil die Forderung nach pausenloser, permanenter Liebe auch den gutwilligsten Ehepartner überfordern kann. Oft bleibt dann nichts anderes übrig, als daß die Ehegatten nach einem qualvollen Zermürbungskampf entweder resignieren oder sich auf einen Minimalstatus arrangieren.

Wo die beiden auf die „ewige Liebe“ gebaut hatten, gähnt sie solche Ewigkeit nun an, weil die Liebe nicht funktioniert hatte – oder jedenfalls das, was sie darunter verstanden hatten. Diese Misere schlägt sich in der Krise der modernen Ehe nieder.

Es liegt nahe, in der Flucht zu radikalen Alternativen einen Ausweg zu suchen und kurzerhand die Abschaffung der Zwangsehe zu proklamieren. Das Gegenrezept der „freien Liebe“ hat ja schon eine fast jahrhundertalte Geschichte. Wir kennen es aus der Anfangszeit des Sozialismus, von der aufgewühlten Generation des Jugendstils und der späteren Jugendbewegung, aus der Literatur der zwanziger Jahre. Diese Proklamation gewann ihr Pathos aus der Anklage gegen die Verlogenheit der bürgerlichen Konventionen und deklarierte die freie Bindung als die weitaus würdigere und erhabenere Gestalt partnerschaftlicher Liebe. Wer wollte bestreiten, daß es dafür eindrucksvolle Beispiele gab, daß auch ohne Inanspruchnahme des Standesamts tragfähige Lebensgemeinschaften zustande kamen! Doch, frei nach Bismarck, ist diese Freiheit „ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann“.