Von Otto F. Beer

In Wien sind die Komödianten los. Sie überschwemmen die Theater, sind bald als Praterkasperln verkleidet, bald als Truffaldino oder Brighella, aber auch als Clowns mit der Herkunft von Ionesco oder als abstrakte Taschenspieler aus den Bezirken des experimentellen Theaters.

Die Ursache dieser Explosion: Die Festwochen stehen dieses Jahr unter der Devise „Die Komödianten Europas“. Es gab dabei manches Grobzeug, gewiß, doch auch etliche überraschende Entdeckungen.

Am wenigsten Entdeckungen durfte man auf musikalischem Gebiet erwarten. Die beiden großen Wiener Konzertveranstalter – die Gesellschaft der Musikfreunde und das Konzerthaus – alternieren in zweijährigem Rhythmus bei den Festwochen. Diesmal sind die Musikfreunde dran; das bedeutet ein sehr ehrwürdiges, aber nicht eben aufregendes Programm mit viel Virtuosenglanz: Bis hierher reicht die Komödiantendevise nicht. Man präsentiert Backhaus als Beethoveninterpreten oder einen Brahmszyklus, den Vater Oistrach dirigiert, indes sein Sohn Geige spielt.

Doch war das Ergreifendste an diesem Musikfest die Heimkehr Otto Klemperers nach Wien. Der 83 jährige Grandseigneur, den einst Mahler nach Prag empfohlen hat, ist schon ein Stück Musikgeschichte geworden. Er ist körperlich gebrechlich, wird aufs Podium geleitet, dirigiert aber in einem Programm, das von Haydn bis Strawinsky reicht, die fünf philharmonischen Konzerte mit einer Suggestivkraft und Verinnerlichung, die kein Nachlassen der Spannung kennen.

Immerhin gibt es im musikalischen Theater Früchte der Komödiantendevise. Aus Ostberlin kam die Deutsche Staatsoper mit Dessaus „Puntila“-Oper und mit Kurt Weills „Sieben Todsünden“. Als Eigenbau wurde die Oper „Die Seidenraupen“ im Theater an der Wien uraufgeführt. Ihr Komponist Ivan Eröd und ihr Librettist Richard Bietschacher gehören beide zum Nachwuchs der Wiener Staatsoper – der eine als Korrepetitor, der andere als Regieassistent.

Aus der Geschichte des Langobardenkönigs Rothar, der am Hof von Byzanz um die Königstochter Oda freit, haben sie eine sehr vergnügliche Oper gebastelt. Eröd befleißigt sich einer zwölftönigen Musiksprache, die er sehr flexibel und intelligent handhabt, so daß sich sogar für Richard-Strauss-Zitate und Duette à la Puccini Gelegenheit findet und zwei langobardische Riesen bis zum Beat vorstoßen. Das ist eine witzige Partitur, die so durchsichtig gehalten ist, daß sie den Singstimmen schmeichelt. In Wien hatte man eine illustre Besetzung mit Jeannette Pilou und Oskar Czerwenka zur Hand. Der Opernerstling hatte – was in Wien bei neuer Musik recht selten ist – einen lautstarken Erfolg zu verzeichnen, und das selten gepflegte Genre der komischen Oper darf einen geglückten Zuwachs registrieren.