FÜR „Neugierige“ als „Hilfsmittel“, wie die Herausgeber es vorschlagen; ich könnte mir denken: für Leser in zehn, dreißig, fünfzig Jahren, die unserer mit oder ohne Nachsicht gedenken mögen –

„Tintenfisch 1“ – Jahrbuch für Literatur, herausgegeben von Michael Krüger und Klaus Wagenbach; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 119 S., 5,80 DM.

ES ENTHÄLT neununddreißig Texte deutschsprachiger Autoren – Prosa, Essays, Gedichte – aus dem Jahr 1967; die Autoren, von Artmann bis Walser, sind allesamt keine Anwärter auf den Adenauer-Preis. Außerdem ein Verzeichnis der im Jahre 1967 erschienenen Bücher deutschsprachiger Autoren und (etwas lückenhafte) Quellennachweise.

ES GEFÄLLT schon als Idee: festzuhalten, was die Schriftsteller in einem bestimmten Zeitraum zwischen, neben und vor den gebundenen Werken beschäftigt hat und was ihre Präokkupationen und die Bedingungen ihrer Produktion oft aufs deutlichste erläutert – in diesem Fall zum Beispiel Max Frischs Inschrift auf einem Zürcher Brunnen („dieser stein, der / stumm ist wurde / errichtet zur zeit / des krieges in / VIETNAM“), Reinhard Lettaus Berliner Rede über die Servilität der Presse, Martin Walsers Rede zum Internationalen Vietnam-Tag, Heinrich Bölls Büchnerpreis-Rede, Hans Magnus Enzensbergers Nürnberger Rede, die hervorragend zeigt, wie man sich einer offiziellen Ehrung ohne Kompromisse unterziehen kann, Texte also, die seinerzeit Aufsehen erregten, aber meist nicht ganz leicht aufzutreiben wären. Aber nicht nur die Idee zu dieser Chronik in Selbstzeugnissen gefällt: Da ist kein Stück nur aus Registratorenpflichtgefühl aufgenommen, keins, das nicht nach wie vor lesenswert wäre.

Dieter E. Zimmer