Von Walter Jens

Stefan Georges letzte Jünger, die versprengten Priester der Feierlichkeit, werden die Nase rümpfen und dem Verfasser vorwerfen, er habe den Kothurn mit den Gossenschuhen vertauscht: Kreons Thebaner als kuschende Bürger, den Herold aus Euripides’ Troerinnen als einen SS-Mann, der sich unter dem Tannenbaum sentimental gibt, und die sizilianische Expedition – den imperialistischen Raubkrieg Athens – als ein Stalingrad-Unternehmen bezeichnet zu sehen, mag die verspäteten Anwälte der stillen Einfalt und edlen Größe schon ein wenig verärgern.

Für Siegfried Melchinger hingegen, den Autor der Sophokles- und Euripides-Monographie, folgt eine solche Etikettierung nicht dem Willen zu gewaltsamer Modernisierung, sondern der Überlegung des Fachmanns, daß politisches Theater – und die griechische Tragödie war, von den "Persern" über den "König Ödipus" bis zu den "Troerinnen", nicht zuletzt politischer Art – auch terminologisch so realistisch wie möglich dargestellt werden, muß –

Siegfried Melchinger: "Sophokles"; Dramatiker des Welttheaters 12, Friedrich Verlag, Velber; 144 S., 4,80 DM

Siegfried Melchinger: "Euripides"; Dramatiker des Welttheaters 41, Friedrich Verlag, Velber; 152 S., 4, 80 DM.

In der Orchestra wurde agitiert. Man stellte Gesetze zur Diskussion, plädierte für Bündnisse, warnte vor Regierungsformen, malte die Konsequenzen von Kriegsfolgen aus, griff die leitenden Staatsmänner an, verhöhnte – zumal, wenn man ein Komödienschreiber war – Persönlichkeiten der Stadt: Hier gleichnishaft, dort sehr real gewannen Vorgänge der Zeitgeschichte Gestalt. Politische, artistische und religiöse Momente verschwisterten sich; neben mythischem Verweis stand der direkte Appell, und zur Symbolik gesellte sich die krude Eindeutigkeit: Stücke, die eine morgendliche Szenerie haben, beginnen bei Tagesanbruch; Requisiten, Steine und verblaßte Tücher, sind von Bedeutung; die Masken und Gewänder zeigen naturalistische Machart, aus Tierblasen spritzt Blut, Kleider starren von Schmutz, Schreckensgesichter auf der Bühne führen – so wird, verdeutlichend, berichtet – im Zuschauerraum zu Frühgeburten unter den hochschwangeren Zuschauerinnen. (Frauen waren dabei, wenn Ajas starb oder die Erinnyen tanzten; die nur aus Männern bestehende Betrachter-Gemeinde ist eine Erfindung von Schwärmern.)

Kurzum, der Melchingersche SS-Mann ist "griechischer" beschrieben, als es auf den ersten Blick scheint: Wie gut, daß endlich die Gerhart-Hauptmann-Momente, das Bunt-Biotische als Widerpart zum Erhaben-Hochstilisierten, gleichberechtigt neben die abstrahierenden Verfremdungspraktiken der griechischen Tragödie treten. (Männer spielten Frauen, der gleiche Schauspieler stellte einen Helden und einen Jämmerling vor.)