Im Wettbewerb der deutschen Universitäten um Bruchstücke der Hochschulreform kann sich die Gießener Studentenschaft rühmen, als erste einen kleinen Demokratisierungstriumph errungen zu haben. Sie erfocht sich im Großen Senat, in dem nach der kaum drei Monate alten Universitätssatzung die Studenten mit einem Sechstel der Ordinarienzahl vertreten sind – das bedeutet immerhin eine Fraktion von 26 – das Recht, die Kandidaten für das Rektoramt über ihre Konzeption gründlich zu befragen.

Als der Senat nach alter Routine zur diskussionslosen Abstimmung schreiten wollte, beantragte der Sprecher der Studenten, Michael Breland, eine Personalbefragung, unter anderem deshalb, weil der amtierende Rektor aus Angst vor studentischer Besetzung vor Pfingsten kurzerhand die Universität geschlossen hatte. Vom neuen Rektor wollte man vorher hören, wie er sich seine Amtsführung und sein Verständnis von Hochschulreform vorstellte. Eine diskussionslose Abstimmung, so argumentierte Breland, mache die Studenten zum „Stimmvieh“ ohne verläßliche In Information.

Bei diesen Worten rief der Ordinarius für Vor- und Frühgeschichte, Professor von Brunn, kochend vor Wut, in den Saal: „Halt die Schnauze, du rotes Schwein!“

Breland, Mitglied des Sozialdemokratischen Hochschulbundes, sämtliche Studenten und ein Teil der Professoren verließen empört den Saal.

Nach einer Beratung machten die studentischen Senatoren ihren Wiedereinzug davon abhängig, daß die Beleidigung zurückgenommen und vom Großen Senat mißbilligt werde. Professor von Brunn sprach nun selbst von einer „tollen Entgleisung“ und versuchte sich damit zu rechtfertigen, daß die Angst vor den „Roten“, die während seines zehnjährigen Grenzgängerdaseins in Berlin in ihm wuchs, mit ihm durchgegangen sei. Doch fügte er der Entschuldigung hinzu, er sei überzeugt, die Studenten hätten mit ihren Anträgen ohnehin nichts anderes im Sinn als Störung der Verhandlungen. Mit drei Gegenstimmen mißbilligte der Große Senat anschließend die „Entgleisung“.

Nachdem die Senatoren sich, zum Teil vielleicht als Wiedergutmachung, dazu durchgerungen hatten, die Personalbefragung als Recht der Studenten anzuerkennen, bot Rektor Weyl ein Viertelstündchen Fragezeit an.

Da der künftige Rektor, der Öffentlichkeitsrechtler Professor Walter Mallman, aber ein höchst liberaler, souveräner und reformbereiter Mann ist, stellte er sich der studentischen Befragung länger als anderthalb Stunden.

Seine Wahl erfolgte dann, zur allgemeinen Erleichterung, mit überwältigender Mehrheit. Damit wurde ein Exempel statuiert, das Schule machen könnte. In Gießen jedenfalls gehört die Kandidatenbefragung in Zukunft zu den Grundrechten der mitverantwortlichen Studentenvertreter. Tilmann Moser