Pure Heuchelei ist es, wenn mit scheinbarem Erschrecken von Demonstrationen auf Filmfestivals berichtet wird. Filmfestspiele waren immer unruhig; ihre Geschichte ist die Geschichte der Krawalle und des Schlachtgetümmels. Ich weiß es, denn ich war jahrelang dabei.

In Cannes, es war Anfang der sechziger Jahre, geriet ich zum erstenmal in eine Demonstration. Ein Vertreter des Establishments las gerade die letzten Worte einer Begrüßungsansprache, als neben und hinter mir eine Gruppe von Filmjournalisten nach vorn stürzte. Ich wurde zur Seite gestoßen, bekam einen Tritt auf den Fuß, jemand rief „Ein Messer“, und es knallte zwei-, dreimal. Dann wurde ich von der Menge nach hinten gewirbelt, und bevor ich Metro-Goldwyn-Mayer sagen konnte, stand ich an der Rückseite des Festsaals, meilenweit vom kalten Büfett entfernt, dessen Herrlichkeiten ich während der Ansprache erwartungsfroh begutachtet hatte. Als die Hungerdemonstranten endlich das Schlachtfeld räumten, fand ich nur noch ein paar Petit-Fours.

Noch am gleichen Tag schloß ich mich den Kombattanten an. Und schon achtundvierzig Stunden später erhielt ich meine Feuertaufe.

Es war auf einem amerikanischen Empfang. Shirley MacLaine und Jimmy Stewart lächelten en nature. Doch der nach der Begrüßungsansprache einsetzende Tumult konzentrierte sich sofort auf Wild und Geflügel. Seite an Seite kämpfend, konnten Patalas, Luft und Ramseger eine Gruppe englischer Cinéasten vom Rehrücken abdrängen. Ich hielt währenddessen die Stellung beim Weinkellner und reichte volle Gläser nach hinten. O ja, wir waren ganz gut, in jenen Jahren.

Ich erinnere mich auch an die Unruhen in San Sebastian, wo es uns gelang, bei der Schlacht ums kalte Büfett die strategisch wichtigsten Punkte zu besetzen: Robby Houwer und Schamoni I. blockierten den Hummer und wurden von Michael Lentz, der für neue Teller sorgte, bravourös abgesichert. Ah, damals war die deutsche Neue Welle noch vital! Oder Cork! Bei der Erwähnung des irischen Festivals geraten wir Veteranen ins Schwärmen. Unvergeßlich, wie Barbara Rütting am 15. September 1964 gleich einem weiblichen Winkelried den Demonstranten eine Gasse zu den Whiskyflaschen bahnte, wie Hebecker und ich den Räucherlachs stürmten das durfte mit Fug und Recht ein Aufruhr genannt werden!

Auch in Oberhausen wird nicht erst seit gestern protestiert. Schon vor Jahren empörten wir uns in der Stadthalle, hauptsächlich wegen der begrenzten Ausgabe von Einladungen zum französischen Empfang. Kotulla und von Cube waren damals die Wortführer der Hungrigen. Man muß es gesehen haben, wie sie sich an der Spitze der Nichtgeladenen dann doch zu den Kaviarschnittchen der Franzosen durchschlugen, um zu wissen, woher die revolutionäre Bewegung ihre Impulse hat.

Also, wenn jetzt in Berlin zum Sturm geblasen wird: Kennen wir, alles schon dagewesen!