Ein Bericht über die Ausschreibungen der französischen Polizei gegen deutsche Intellektuelle

Von Werner Höfer

Der Kernsatz auf dem Formular besagte, die Anwesenheit des endesunterzeichneten Fremden auf französischem Gebiet sei geeignet, die öffentliche Ordnung zu kompromittieren. Also: Ausweisung.

Der „Endesunterzeichnete“, einer von etwa zwanzig Schicksals- und Gesinnungsgenossen, heißt Malte Rauch, ist kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Frankfurt geboren, erinnert sich dunkel an einen französischen Ahnherrn, liebt Frankreich bereits seit Kindertagen, hat bei Horkheimer mehr als bei Adorno und auch bei Habermas studiert, trat als Student der englischen Literatur in London in die Dienste der BBC, verbrachte fast jedes Weekend bei Freunden in Paris, siedelte vor knapp einem Jahr endgültig in die französische Hauptstadt über, arbeitete für diese oder jene Zeitung, Zeitschrift und Rundfunkstation in Deutschland und unterhielt Kontakte zu Freunden wie Daniel Cohn--Bendit, „als dieser sich noch mehr für hübsche Mädchen interessierte als für Barrikaden“.

Wer in diesen Tagen in dieser Stadt solchen Umgang pflegt, lebt gefährlich, erst recht, wenn er Fremder, und ganz besonders, wenn er Deutscher ist. „Im Dritten Reich arbeiteten die Nazis mit der Parole: ‚Die Juden sind unser Unglück.’ Manche Franzosen scheinen heute zu glauben, die Deutschen, die jungen Deutschen, seien Frankreichs Unglück. Für dieses ‚Unglück‘ ist Daniel Cohn-Bendic die Symbolfigur“.

Malte Rauch, jung und groß und schlank und blond, glatt rasiert und unvergammelt, Teilhaber einer kleinen Wohnung an Ernest Hemingways „Fest für ein Leben“-Plätzchen Contrescarpe, erlebte an einem ruhigen Sonntagnachmittag mit einem Freund die Konfrontation mit der Ordnungsmacht. Auf dem Weg zum Stammcafe, in einem sonntäglich stillen Seitengäßchen, sahen die beiden sich plötzlich von drei Gestalten umstellt. Weil der Gedanke an Straßenräuber zu dieser Stunde und an dieser Stelle näher lag, offerierten die deutschen Journalisten dem finsteren Triumvirat freiwillig ihre Café-Francs. Einer der drei nestelte jedoch eine Marke hervor, die ihn als Polizisten legitimierte. Sie forderten ihre Opfer, denen sie planvoll aufgelauert hatten, nachdrücklich auf, in den bereitstehenden Wagen zu steigen, ohne auffällige Bewegungen, ohne die Hände hochzuheben, „weil diese Bewegung selbst am Sonntagnachmittag im Quartier Latin sofort einen Auflauf provoziert hätte“. Als der Freund zur Zeitung griff, zog einer der Drei die Pistole. Deutsch durften sie nicht miteinander sprechen.

Alle Polizeireviere des Viertels links oder rechts liegen lassend, raste der Wagen zum Innenministerium, zur Sûreté Nationale, Dort kam es zu einem überraschenden Rendezvous mit mehr als zehn anderen jungen Deutschen, Studenten, Journalisten, einem Architekten, einigen Frauen, einer Bibliothekarin des Goethe-Instituts und Mitarbeiterinnen des Akademischen Auslandsdienstes. Ihnen war am gleichen Tag zur gleichen Stunde fast das Gleiche widerfahren.