Von Kurt Becker

Fünfundneunzig Staaten haben den Atomsperrvertrag in der Vollversammlung der Vereinten Nationen gebilligt. Eine überwältigende Mehrheit – aber Präsident Johnson war der einzige Staatsmann, der diese Zustimmung mit einem Hauch von Enthusiasmus würdigte. Vor der Weltorganisation in New York bezeichnete er den gemeinsamen amerikanisch-sowjetischen Entwurf als die wichtigste internationale Vereinbarung seit Beginn des Atomzeitalters.

Die universelle Geltung des Vertrages mag dazu verführen, ihm geschichtsträchtige Bedeutung zuzuschreiben. Tatsächlich aber hat das erfolgreiche Bemühen, das Abkommen weltweit akzeptabel zu machen, einstweilen wohl nur bewirkt, daß – außer Indien und wahrscheinlich auch Brasilien – kein kernwaffenloser Staat mit hochentwickelter Nukleartechnik die Unterschrift verweigern wird. Aber werden alle, die jetzt unterschreiben, sich auch daran halten, wenn ihre Interessen sich einmal wandeln? Und was wird die Rolle der beiden Weltmächte sein?

Da ist Skepsis am Platze. Die von Amerika und Rußland gewollte pax atomica zwingt sie auf unübersehbare Zeit in ein weltweites Engagement als Friedensstifter. Sie kettet vor allem die Vereinigten Staaten als Garantiemacht an Sicherheitspakte in fast allen Teilen der Welt, weil sonst die Vertragstreue nichtnuklearer Staaten brüchig werden würde. Solche Bindungen und zusätzliche Abhängigkeit könnten sich bald als lästiges, wenn nicht als untragbares Überengagement erweisen.

Die blockfreien Länder der dritten Welt, derentwegen die Amerikaner die vertragliche Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen in erster Linie angestrebt haben, werden deshalb für ihre Unterschrift unter den Sperrvertrag nur mit einer Sicherheit entschädigt, nämlich mit der Sicherheit vor einer Atombewaffnung ihres Nachbarn – und auch sie läßt sich zeitlich nicht unbegrenzt garantieren, jede weitere verläßliche Sicherheit, sei es durch die Garantie der Vereinigten Staaten, sei es durch die außerhalb des Sperrvertrags vorgesehene und äußerst vage abgefaßte kollektive Sicherheitsgarantie der Atommächte könnte sich schon in kurzer Zeit als problematisch erweisen.

So bleibt die stabilisierende Wirkung des Sperrvertrags davon abhängig, wie sich die Kooperation der beiden Supermächte auf nuklearem Gebiet und in ihrem Willen zur Krisenbeherrschung weiter entwickelt. überragt diese Bereitschaft die von beiden stillschweigend hingenommene machtpolitische Rivalität auf niedrigeren Ebenen der internationalen Politik, so könnte sich der Sperrvertrag dabei als hilfreiches Instrument erweisen. Wirklich notwendig wäre er dann freilich kaum.

Ohnehin läßt sich die kooperative Rolle Amerikas und der Sowjetunion als Weltfriedensstifter nicht schon durch vertragliche Fixierung regeln. Die geringen Aussichten auf eine zwischen Washington und Moskau vereinbarte Begrenzung ihrer Kernwaffenrüstung ermutigen da auch nicht zu großer Hoffnung, daß die Weltmächte mehr als bisher zur Stabilisierung leisten können. Der Vertragstext enthält deshalb eine eingebaute Schwäche, sie läßt die gesamte Vertragsphilosophie in schillerndem Licht erscheinen: die Weigerung der Kernwaffenmächte, sich über wohlklingende und unverbindliche Beteuerungen hinaus zur Abrüstung ihrer nuklearen Waffenarsenale zu verpflichten.