Seinen Reden über die Rettung der Nation vor dem „totalitären Unternehmen der Kommunisten“ hat General de Gaulle gegen Ende der vorigen Woche Taten folgen lassen. So wurden

  • alle Versammlungen unter freiem Himmel bis zum zweiten Wahltag am 30. Juni in ganz Frankreich verboten,

• sieben angeblich des Umsturz verdächtige Gruppen und Vereine für aufgelöst erklärt,

  • 70 ausländische „Aufwiegler“ – in der Mehrzahl angeblich deutsche Studenten, die dem SDS angehören – ausgewiesen,
  • das Pariser Odeon-Theater nach einmonatiger Besetzung von der Polizei ohne weitere Zwischenfälle zwangsgeräumt,
  • die seit vier Wochen besetzte Pariser Sorbonne von der Polizei eingenommen, wobei es noch einmal zu harten Zusammenstößen mit Studenten und Passanten kam,
  • General Salan, Oberst Argoud und zwölf andere ehemalige Mitglieder der Untergrundorganisation OAS aus dem Gefängnis entlassen.

Die Anordnungen des Generals straften Frankreichs rebellische Linke und schmeichelten der extremen Rechten. So wurde zwar Cohn-Bendits „Bewegung des 22. März“, nicht aber die Kampforganisation „Occident“ liquidiert. Die Freilassung Argouds, der 1962 unter völkerrechtlich dubiosen Umständen aus einem Münchner Hotel entführt worden war, mehr noch die Begnadigung Salans machen das Ziel der gaullistischen Wahlkampfstrategie deutlich: Bündnis mit dem Bürgertum bis hin zur extremen Rechten in gemeinsamer Abwehr der „kommunistischen Gefahr“.

Salan hatte am 13. Mai 1958 an der Spitze der Armee gestanden, die den General an die Macht brachte. Er wurde zum Rebellen, als de Gaulle den Traum vom „französischen Algerien“ zerstörte. Als ein Putschversuch im April 1961 mißglückte, organisierte Salan aus dem spanischen Exil die OAS (Organisation armee secrète). Nach seiner Verhaftung wurde er 1962 zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt.

Seine Begnadigung ist – wie die kommunistische „L’Humanité“ vermutet – der Preis den die Armee forderte, als de Gaulle Anfang Juni um ihren Beistand gegen die Gefahr einer Arbeiter- und Studentenrevolution warb. Diese Gefahr scheint jetzt endgültig gebannt: Von den 300 000 noch immer streikenden Metall-Arbeitern kehrten 150 000 nach 33 Streiktagen am Dienstag an ihre Arbeitsplätze zurück.