Die 14. Triennale von Mailand zeigt, falls sie doch noch ihre Tore öffnet, als einen der deutschen Beiträge das Projekt einer Stadtstraße vor morgen.

Es scheint eine Binsenwahrheit zu sein: Die ideale Autostraße verläuft ohne Steigung und Gefälle auf einer im wesentlichen geraden Bahn. Das Modell einer Stadtstraße von morgen ist dagegen geeignet, phantasiebegabte Besucher beim bloßen Anschauen seekrank zu machen.

Die neuartige Straße verläuft in Form einer Sinuskurve. Vom Flugzeug aus böte jede Fahrbahn das Bild einer Wellenlinie. Doch nicht genug: Die beiden Fahrbahnen sind auch noch in der halben Frequenz der Sinuskurve zueinander versetzt und schwingen bei jeder Überschneidung unter- und übereinander hindurch. Von oben also ein Asphaltzopf, eine Folge aneinandergesetzter langgezogener Achten.

Diese psychodynamische Straße ist das gemeinsame Werk eines jungen Architekten und eines Malers. Architekt Johannes Peter Hölzinger, Jahrgang 1936, und der Maler und Kinetiker Hermann Goepfert, zehn Jahre älter als Hölzinger, waren von einer Beschäftigung mit den Mechanismen und Gesetzen der Bewegung ausgegangen. Gestützt auf die Erfahrungen der kinetischen Kunst analysierten sie die drei vorherrschenden Bewegungsmotive als die linear fortlaufende, die kreisförmige und die Pendelbewegung, von denen die erste als die unmodulierbarste erkannt wurde.

Hermann Goepfert: „Ein längeres Erleben der linear fortlaufenden Bewegung ermüdet das menschliche Sensorium. Für die Kreisbewegung gilt das gleiche. Die Pendelbewegung erweist sich als die harmonischste für den Menschen. Das mag in dem Urerlebnis begründet sein, das schon dem Säugling durch Schaukeln Wohlbehagen verschafft.“

Pendeln, schaukeln und wiegen, von links nach rechts, von oben nach unten und wieder nach oben, so müßte also die ideale Straße für die Benutzer sein: Relaxation statt Verkrampfung, Wohlgefühl statt aggressiv eingestimmter Gereiztheit, Freude statt Ärger, geistige Stimulans statt Ermüdung.

Eine Grundidee war damit gefunden. Nun galt es, sie mit den vielfältigen Forderungen des Verkehrs, der Umwelt in Einklang zu bringen, zu modifizieren, zu integrieren.