Von Ben Witter

Herbert Hoffmann sagte: „Wenn Sie mich nach meiner Lebenseinstellung fragen, möchte ich Ihnen antworten, daß ich immer das tue, was mir Freude macht. Folgedessen bin ich auch noch nie krank gewesen.“ Zur blau-weiß gestreiften „Hamburger Bluse“ trug er Steingestreiften aus Cord. Auf dem rechten Unterarm hatte er seine Blutgruppe eintätowiert und auf dem linken seinen Namen.

Herbert Hoffmanns Wangen röteten sich, als ich sagte: „Sie haben eine einschmeichelnde Stimme, verschlucken keine Silbe und sind wohl allem Schönen zugewandt.“

„Schon in meinen Jugendjahren sah ich in Berlin Tätowierungen bei Kutschern, Bauarbeitern und Schaffnern“, sagte Herbert Hoffmann, „und wollte mich sofort tätowieren lassen. Aber während der Hitlerjahre tätowierte niemand. Den ganzen Krieg über war ich in Rußland und wartete nur auf den Tag, wo wieder tätowiert werden durfte.“

„Und nach dem Krieg fuhren Sie nach Hamburg, um sich tätowieren zu lassen“, sagte ich. „1949 kam ich aus der Kriegsgefangenschaft und fuhr gleich nach Hamburg“, bestätigte Herbert Hoffmann. „Doch ich hatte kein Geld und fand nirgendwo Anschluß. Ich bin dann nach Hof in Bayern gefahren, um Geld zu verdienen. Da lernte ich einen Straßenkehrer kennen, der tätowiert war. Wir schlossen Freundschaft. Der Straßenkehrer kannte einen Amateurtätowierer. Der Mann, ein Altkommunist, war lange im KZ gewesen. Er tätowierte den Straßenkehrer und dessen Frau, seine drei Söhne und mich. Anschießend gingen die beiden Schwiegersöhne des Straßenkehrers zu ihm. Und ich fuhr jedes Jahr ein paar Wochen nach Hamburg und blickte den Tätowierern über die Schultern. Denn mein sehnlichster Wunsch mußte eines Tages in Erfüllung gehen, mich auf St. Pauli als Berufstätowierer niederzulassen. Endlich war es soweit.“

Herbert Hoffmann stützte beide Hände auf seine Schenkel. „Mein Arbeitgeber hatte mich betrogen. Ich verklagte ihn, und das Gericht sprach mir eine Entschädigung zu. Mit dem Geld fand ich hier am Hamburger Berg diese Parterrewohnung. Ich kam nicht allein. Herr Jakob Acker, Krankenpfleger und ehemaliger Sektionsgehilfe in der Wiesbadener Pathologie, ebenfalls ein glühender Anhänger der Tätowierkunst, übernahm zuerst die medizinische Beratung. Die Hälfte meiner Kunden sind Seeleute. Ich habe alles tätowiert, was die Elbe heraufkam, mit Ausnahme von Chinesen und Leuten aus dem Ostblock. Aber ich ahnte ja nicht, wie empfindlich Neger sind.“

Er hatte ununterbrochen gelächelt. Plötzlich fielen mir rote Striche unter Hoffmanns Hals auf. „Dort habe ich die Andeutung einer aufgehenden Sonne hintätowieren lassen“, sagte er und zog seine „Hamburger Bluse“ aus. Von einer Schulter bis auf die andere reichten die Flügel eines Adlers, darunter war eine Orchideenranke, das Auge eines chinesischen Drachens leuchtete in seinem Bauchnabel.