Von Jürgen Manthey

Sie bedrohen niemanden, sie sind nicht neidisch auf unsere gekachelten Badezimmer und nicht scharf auf unser Service silberner Dessertgabeln. Und doch machen sie unser Leben unsicherer. Werte, von nur wenigen in Frage gestellt, sind bald schon für viele keine Antwort mehr. Auf einmal scheiden sich die Geister; dort, wo vorher keine waren, erkennen wir Grenzen. So erscheint uns das Börsenblatt des deutschen Buchhandels seit einiger Zeit unglaublich altmodisch, nur, weil es aus einer Anzeige für das Buch

„Fuck You!“ – Underground-Poems, ausgewählt und aus dem Amerikanischen übersetzt von Ralf-Rainer Rygulla, zweisprachige Ausgabe; Joseph Melzer-Verlag, Darmstadt; 140 S., 8,80 DM

die Reproduktion des Umschlagbildes und den Titel entfernte. Es ließ nur einen weißen Raum und das nichtssagende „YOU!“ zu.

Wer Grenzen sichtbar macht, lockt auch über sie hinaus. In Amerika, wo Literatur leichter zu (Gegen-) Wirklichkeit und Wirklichkeit schneller zu Literatur wird, ist die Verlockung in letzter Zeit immer stärker geworden. Zahllose Underground-Zeitschriften spiegeln das Ausbruchs-Verlangen.

In ihnen sind die meisten Gedichte dieses Bandes zuerst veröffentlicht worden.

Die anti-zivilisatorische Geste kennt die amerikanische Literatur allerdings seit jeher; insofern ist die Tendenz dieser Gedichte eine so neue Errungenschaft wieder nicht. Schon Emerson träumte von einer Literatur mit so rüder Sprache, wie Matrosen sie sprechen, und jede Generation, die auf die Emersonsche folgte, hat einen Schritt näher zu ihr hin getan. Doch die Forderung nach Natürlichkeit übertreffen die Underground-Poeten jetzt mit tendenziös obszönen Strophen. Auch dies, wie bei den Vorgängern, zur Erschließung neuer Bereiche. Die Anziehung, die New Frontiers auf Amerikaner ausüben, ist längst nicht mehr aufs Geographische beschränkt. LSD, von dem der Schriftsteller William Burroughs behauptet, es hole den Weltraum in die Seele herein, erschließt Bewußtseins-Neuland mit radikaleren (und gefährlicheren) Mitteln. Die Literatur, will sie da noch mithalten, muß stärkeren Tobak aufbieten. Die Wildnis wird in den Menschen verlegt. Die Sänger dieses Aufbruchs zur verbalen Erschließung der Gebiete jenseits der Gürtellinie glauben noch an eine Alternative: Die Wildnis erscheint ihnen, im Einklang mit der amerikanischen Tradition, als diese Alternative zur Hölle der Frustration.