Von Cornelia Jacobsen

In einer Ecke stehen eine Menge Joghurtbecher aus Plastic, gefüllt mit kräftigen Farben. Eine Schar von Kindern zwischen vier und sechs Eine ren stellt unentschlossen davor. Sie prüfen, vergleichen; als der Lehrer sie ermuntert hat – „Sucht euch einfach die zwei Farben aus, die euch am besten, gefallen“ –, nimmt sich jedes zwei Becher und balanciert sie an seinen Platz. In Hufeisenform sind kleine Staffeleien aufgebaut; vor jeder sitzt ein Kind und malt mit ernstem Gesicht oder betrachtet mit schrägem Kopf, was es gemalt hat: Kinder im Kindergartenalter was nen, sich mit Pinsel und Farbe auszudrücken, eine ungewöhnliche Geschichte.

Diese Malklasse war am Anfang ein Experiment, das von zwei Müttern der Münchner Vorortsiedlung Germering begonnen wurde. Andrea Müller und Ingrid Stich fanden, daß ihre Kinder in dem „normalen“ Kindergarten nicht genügend angeregt und gefördert würden, daß die Vorschulerziehung üblicher Prägung ganz allgemein eine recht öde und langweilige Sache sei – was im übrigen auch die Kinder empfanden – und daß man wohl selbst nach einer sinnvollen Beschäftigung für die Kinder suchen müsse.

Beiden Frauen schwebte so etwas wie ein guter, auch pädagogisch vertretbarer Malunterricht vor. So suchten sie zielstrebig, wenn auch nicht ohne Hemmungen, Professor Dr. Thomas Zacharias in der Akademie der Bildenden Künste auf. Er bildet Kunsterzieher aus. Die beiden Besucherinnen schlugen ihm vor, seine Schüler zu fragen, ob sie die Germeringer Kinder unterrichten wollten und ob das wohl ein Plan sei, der sich ausführen ließe. Die beiden Mütter schwankten zwischen Unternehmungsfreude und Zweifeln, der Professor hingegen war begeistert. Er versprach zu helfen. Dieser Unterricht, so fand er, sei für seine Schüler eine ausgezeichnete Übung.

Dem Professor waren die Probleme der Germeringer nicht fremd. Er ist Vater von fünf Kindern (darunter eine Tochter im Vorschulalter), und er wohnt, wie viele, nicht mitten in München, sondern ein paar Kilometer draußen. Das ist bei einer schnell wachsenden Stadt üblich. Zwar versucht man in diesen Wohngebieten eine gewisse Eigenständigkeit zu erreichen, aber von einer auch nur halbwegs integrierten Bevölkerung und von wirklichem Eigenleben kann vorläufig nicht die Rede sein. In solcher Umgebung langweilen sich auch Kinder mehr als auf dem „richtigen“ Land oder in der Stadt: Es wird in jeder Beziehung sehr wenig „geboten“.