Von Rudolf Walter Leonhard!

Erster Eindruck im Theater des Berliner Ensembles am Bertolt-Brecht-Platz: nur wenige bekannte Gesichter. Da fand, Mitte vergangener Woche, am 12. Juni, die seit Jahren, seit der denkwürdigen Coriolan-Inszenierung erste Premiere eines großen Brecht-Stückes statt – und kein Joachim Kaiser („Süddeutsche Zeitung“) war zu sehen, kein Henning Rischbieter („Theater heute“), kein Hellmuth Karasek („Stuttgarter Zeitung“) und nicht einmal Friedrich Luft („Die Welt“).

Außer Rolf Michaelis („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) hatte offenbar keiner der bekannteren westdeutschen Theaterkritiker andere Verpflichtungen hintangestellt, um die erste „authentische Fassung“ der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ zu sehen, eines Stückes, das schon Friedrich Wolf der „Mutter Courage“ an die Seite gestellt hatte und das Frau Weigel zu den „wirklich großen“ zählt; in einer Aufführung, in der neben den großen Brecht-Schauspielern Martin Flörchinger (Pierpont Mauler) und Günter Naumann (Paulus Snyder) allein vier Mitglieder der Familie Brecht auf der Bühne standen: Helene Weigel (Frau Luckerniddle), Hanne Hiob (Titelrolle), Barbara Berg (Martha) und Ekkehard Schall (Slift).

War schon zu sehr Urlaubszeit? Hatten die gerade wieder erschwerten Modalitäten des Grenzübertritts von der nie sonderlich lockenden Schleuse an der Friedrichstraße vollends abgeschreckt? Glaubte keiner mehr recht daran, daß eine Aufführung, die vom Februar auf den März, vom März auf den Mai, vom Mai auf den Juni verschoben worden war, nun endlich doch noch stattfinden werde? Hatten die Gerüchte von Spannungen innerhalb des Ensembles die Freunde verschreckt?

Als alles vorüber war, als die Premiere, nach den Publikumsreaktionen, auch nach dem Gefühl der Beteiligten selber, gelungen schien, dankte Joachim Tenschert, der schließlich die Hauptverantwortung für die Regie hatte übernehmen müssen, nicht nur den Schauspielern und der Technik, sondern auch dem Mann, der für viele so überraschend aus der Verantwortung ausgeschieden war; Regisseur Manfred Wekwerth.

„Wegen Erkrankung von Manfred Wekwerth wurden die Proben ab 15. Mai vom Regiekollektiv unter Leitung von Joachim Tenschert zu Ende geführt“ – so steht es im Programm Nun, auch eine westlicher gelegene Bühne würde vermutlich nicht an die große Glocke hängen, was außerdem noch wahr ist: Spannungen, die zwischen der noch ganz dem Erbe Brechts geweihten Theaterleitung und einer jüngeren Generation, an ihrer Spitze Wekwerth, seit zwei Jahren immer wieder spürbar geworden waren, hatten nun bei diesem Stück zum großen Knall geführt. Wekwerth ging, auch wegen ruinierter Gesundheit, aber darüber hinaus und vor allem mit der Absicht, nach Ablauf seiner Vertragsverpflichtungen nicht an den Bertolt-Brecht-Platz zurückzukehren, sondern, wenn irgend möglich, mit dem anderen genialen Regisseur, der sich an einer Hierarchie wundgestoßen hat, mit Benno Besson zusammen irgendwo junges, modernes Theater der siebziger Jahre zu machen. Viele Schauspieler, die Zahl steht noch nicht genau fest, wollen sich ihnen anschließen.

Ist es Zufall, oder ist es mehr, daß ein Generationenkonflikt der Theaterleute ausgerechnet an dieser „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ sich entzündete?