Eine zeitweise vergessene Spielart im Wettbewerb der deutschen Großunternehmen ist wieder zu neuen Ehren gekommen : Welche Rangfolge nehmen die größten deutschen Publikumsgesellschaften, gemessen an ihrem Börsenwert, ein? Die Antwort auf diese Frage berücksichtigt nicht nur die objektiven Größen wie Umsatz und Beschäftigte, sondern auch die vom Aktienkapital ausgehende Einschätzung des Unternehmens durch den Anleger. Auch wenn die Börsenkurse heute noch nicht wieder die Höhe von 1960 erreicht haben, drängt sich die Frage nach einem Vergleich mit jenem Jahr auf. Denn er zeigt nicht nur die Unterschiede der Wertschätzung durch den Aktionär, sondern auch die unterschiedliche Kapitalentwicklung der deutschen Firmen.

Das auffallendste Ergebnis dieses Vergleichs ist die Führungsposition der Großchemie. Die drei Farbennachfolger gehören mit dem jeweils größten Unternehmen der Versorgungswirtschaft, der Elektro- und der Autobranche zur Spitzengruppe der ersten Sechs. Bemerkenswert ist auch die große Zahl der Neulinge unter den 25 größten Börsenwerten. Nicht weniger als sieben Unternehmen – Volkswagenwerk, Veba, VEW, Nordwestdeutsche Kraftwerke, HEW, Schering und Standard Elektrik Lorenz – konnten in diese Spitzengruppe aufsteigen und die sieben Unternehmen, die am Ende unserer Tabelle aufgeführt sind, aus ihr verdrängen.

Beim Volkswagenwerk hat der Zeitpunkt der Privatisierung eine große Rolle gespielt. Wäre sie schon Ende 1960 und nicht erst im April 1961 erfolgt und der Kursaufschwung genauso stürmisch verlaufen, wäre dieses Unternehmen heute dem Börsenwert nach das größte deutsche Unternehmen. Zwei andere Unternehmen haben sich der besonderen Gunst der Anleger erfreut: Nordwestdeutsche Kraftwerke und Schering. Beide Unternehmen weisen im Vergleich zu den hinter ihnen stehenden Gesellschaft recht bescheidene Aktienkapitalien auf. Sie haben dagegen eine um so höhere Ertragskraft, die sich in Börsenkursen um 700 Prozent niederschlägt.

Den höchsten Gewinn im Börsenwert – mit einem Plus von jeweils rund 2,1 Milliarden Mark – weisen Siemens und die Farbwerke Hoechst auf. Bei Hoechst hat sich das Kapital von 633 auf 1285 Millionen Mark verdoppelt, bei Siemens war die Kursentwicklung besonders günstig. Sein Kurs liegt heute bereits um 10 Prozent über dem Höchststand von 1960. Besonders gut schnitt auch die AEG mit einem Börsenwert-Gewinn von 1,1 Milliarden Mark ab. Hier spielte weniger die Kapitalerhöhung von 310 auf 460 Millionen Mark eine Rolle als vielmehr die Bevorzugung als Anlagepapier.

Drei der Gesellschaften, die sich neu in die Gruppe der 25 größten einrangiert haben, verdanken dieses Vordringen einer überdurchschnittlichen Zunahme ihres Börsenwertes. Bei Schering, das heute 90 Prozent über dem Höchstkurs von 1960 notiert, und den Nordwestdeutschen Kraftwerken hat sich der Börsenwert seit 1960 verdreifacht, bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken verdoppelt. Sie profitieren von dieser guten Entwicklung in dreifacher Hinsicht. Einmal können sie bei Kapitalerhöhungen einen hohen Bezugskurs der jungen Aktien festsetzen, zum anderen wird die Gefahr einer Kapitalverwässerung bei der Übernahme anderer Gesellschaften stark reduziert, da nur ein relativ geringer Teil eigener Aktien im Umtausch hergegeben werden muß, und schließlich wird die Gefahr einer Überfremdung vermindert, was sich gerade bei den Spekulationen um Schering in den vergangenen Monaten erwiesen hat.

Eines der traurigsten Beispiele für einen „Fußkranken“ unter den ehemals hoch notierten Börsenwerten bietet Rheinstahl. Immer noch mit dem selben Kapital wie 1960 arbeitend, wird es heute um rund 75 Prozent unter dem bisherigen Höchststand von 465 Prozent notiert. Seit 1960 hat dieses Papier rund 1,1 Milliarden Mark an Börsenwert verloren. An diesem Unternehmen wird deutlich, wie entscheidend die Ertragsentwicklung für den Kursverlauf und damit für die Börsenbewertung ist. Annette Hofmann