„Schüsse aus dem Lumpenparadies“; Eva Vargas; Da Camera Song SM 95008, 18,– DM

Sie wohnt in Heidelberg in einem Zigeunerwagen; ihre Nachschlagewerke sind Märchenbuch und Katechismus; die Zeitung liest sie mit Aufmerksamkeit. Dabei hat Eva Vargas einiges gefunden, das Anlaß genug gibt, sich über unser Land und das Gemüt seiner Bewohner gründlich zu ärgern: den Wohlstandslustmolch und die Herz-Jesu-Rührseligkeit, tugendhaften Bürgermief und politischen Dornröschenschlaf.

Viele ärgern sich daran, aber nicht allen reißt rechtzeitig die Geduld, und nur einer ist es gelungen, worum sich das deutsche Kabarett und der SDS und noch so mancher meist vergeblich bemühen: die Heuchelei der Sonntagschristen und Alltagsopportunisten zu entlarven, aus Allerheiligenlitanei und dem Märchen vom Rumpelstilzchen eine schnoddrige, böse, temperamentvolle Mischung herzustellen. Eva Vargas bereichert das nicht gerade üppig gedeihende deutsche Chanson um eine Variante, gemischt aus Zeitkritik und Hexenblut, aus Zynismus und Poesie, garniert mit der blauen Blume des romantischen Volkslieds.

Auf dieser Platte ist zusammengefaßt, was einer Zeitgenossin einfällt, wenn sie morgens in die Zeitung und abends in die Sterne sieht. Es sind Lieder zum Nachdenken und Mitsingen.

Hilke Schlaeger