Ob es reiner Zufall ist, daß die französischen Studentenunruhen just in der Examenszeit ausgebrochen sind? Sind zufällig die älteren Semester, die sich eigentlich so allmählich zum Examen melden sollten, unter den radikalen Studenten führend?

Es fehlt an soziologischen Untersuchungen, die für eine Antwort ausreichten. Wer da eher an Zusammenhänge als an Zufälle glaubt, könnte seine Überzeugung stützen auf leichter Nachweisbares: Es ist gewiß kein Zufall, daß rebellische Oberschüler viel unverblümter von den Prüfungen als Ursache ihres Unbebehagens sprechen als rebellierende Studenten, die bei weniger „Klassengeist“ immer befürchten müssen, ihre Revolte könnte als Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit verharmlost und mißdeutet werden.

Und es ist gewiß auch kein Zufall, daß die Unsicherheit vor einer Prüfung in der philosophischen Fakultät viel größer ist als in den Naturwissenschaften. Denn in den Philosophischen Fakultäten gibt es an vielen Universitäten noch immer den Satz: Wahlgebiete können berücksichtigt werden Dieser Satz ist unvertretbar Ich mache mich anheischig, jeden Ordinarius der Germanistik, Anglistik, Philosophie und Publizistik durchfallen zu lassen, wenn ich aus diesen Riesen gebieten, die kein einzelner mehr völlig beherrschen kann, fragen darf, was ich selber zufällig gerade weiß.

Mir ist jener Kandidat der neueren Philologie noch gut in Erinnerung, dessen Dissertation alle Benotungen von „eximium“ (der besten) bis „idoneum“ (der schlechtesten) einfing, der im Rigorosum mit „rite“ gerade so eben noch durchkam und der dann aus lauter Wut in den gleichen Fächern noch das Staatsexamen machte, wo Professoren-Willkür ein bißchen durch staatliche Kontrolle eingeengt wurde, und „mit Auszeichnung“ bestand.

Wahlgebiete können berücksichtigt werden! Sein Rigorosums-Wahlgebiet in Französisch war: der französische Roman; Hauptprüfungsthema: ein Gedicht Lafontaines in seiner Abhängigkeit von Descartes. Wahlgebiet im Englischen: der englische Roman; Hauptprüfungsthema: die englische Shakespeare-Kritik im 17. und 18. Jahrhundert; Wahlgebiet in älterer Germanistik: alles Mittelhochdeutsche; Hauptprüfungsthema: Althochdeutsch und lateinische Literatur des deutschen Mittelalters.

So krasse Fälle wie diesen (der freilich dokumentarisch nachgewiesen werden kann) gibt es nicht oft. Aber die es gibt, reichen aus, in Prüflingen das Gefühl zu erhalten: Man weiß nie, was einem alles passieren kann. Manche meinen sogar, es sei richtig oder doch den Fleiß fördernd, wenn dieses Gefühl erhalten bleibt.

In Wirklichkeit sind Prüfungen, bei denen auch der Beste straucheln kann und die für schwächere Kandidaten zu Existenzfragen aufgeblasen werden, Quellen gefährlicher Neurosen. Wir haben den Gießener Psychologen Dr. Michael Lukas Moeller gebeten, sie einmal zu analysieren.