Es steht schlimm um die Künstler dieser Zeit: Schicksal und Gesinnung fehlen. Also klagte ein Hans F. K. Günther 1920 in „Ritter Tod und Teufel“. J. F. Lehmanns Verlag in München, der das Opus damals verlegt hatte, bewegen heute wieder ähnliche Sorgen: Er brachte in der vergangenen Woche ein Pamphlet in Umlauf, das in leicht modifiziertem „Stürmer“-Jargon den Kunstbetrieb der Stadt Nürnberg und dessen Exponenten angriff.

Ein Anonymus wettert gegen „Antinaturalismus“ und „konstruktivistisches Spiel“, gegen Avantgarde und progressive Bestrebungen, bezeichnet den Direktor der Kunstsammlungen, Dr. Dietrich Mahlow, als „Doktrinär“ mit „pseudokünstlerischem Größenwahn“ und unterstellt dem wehrlosen Albrecht Dürer, daß ihm die heutige „Bildnerei“ wesensfremd sei.

Daß sich J. F. Lehmann das kunstbeflissene Nürnberg als Zielscheibe seiner Tiraden aussuchte. mag der Stadt zur Ehre gereichen. Mit Hilfe des von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden abgeworbenen Mahlow konnte der dynamische Kulturreferent Dr. Hermann Glaser in kurzer Zeit sein Ziel erreichen und die städtischen Kunstinstitute zu einem „Umschlagplatz moderner Seh- und Denkhaltungen“ koordinieren. Anerkennung der Fachkritik erntete man mit Ausstellungen (Yves Klein, Licht – Bewegung – Farbe), dem neugegründeten „Institut für moderne Kunst“ und Bestrebungen, auf einer „Biennale Ost“ (erstmals 1969) intensive künstlerische Ostkontakte zu knüpfen. Mahlow, „der zu den intelligentesten und mutigsten Wegbereitern der zeitgenössischen Kunst in Deutschland zählt“ (Christ und Welt), machte Nürnberg zu einem wichtigen „Zentrum für die Moderne“ (Frankfurter Allgemeine).

Freilich brachte er auch seine Feinde in das Kunstleben der Stadt ein. Der Text des Pamphlets verrät die Handschrift des Lehmann-Autors Richard W. Eichler, der heute mit Schriften wie „Viel Gunst für schlechte Kunst“ für volkstümlich Gemaltes eintritt und damit die Kontinuität des Lehmannschen Verlagsprogrammes gewährleistet. Lehmann-Titel vor 1945: Bildungswahn – Volkstod; Neuadel aus Blut und Boden; Kunst und Rasse; Das Schwein als Kriterium für nordische Völker und Semiten.

Reiner Weiß