Jahre hindurch lebte Jürgen Fehling in der Nervenklinik des Eppendorfer Universitätskrankenhauses, wo ihn am vergangenen Freitag der Tod erreichte.

Obwohl man gelegentlich von ihm hörte, verdichtete sich das Geheimnis um ihn.

Das Geheimnis Fehlings blieb wirksam. Seit er (1955) die Einsamkeit hatte aufsuchen müssen, stellte sich die Frage nach seinem Alter nie. Es waren wohl seinem Stürmen und Drängen Züge der Jugend und des Alters stets fremd gewesen. Er hatte übrigens am 1. März 83 Jahre vollendet.

Auch heute hat die Legende vom Fehlingschen Orkan nichts von ihrem dämonischen Zauber verloren.

Im Mittelpunkt des Orkans ist Stille. Diese Stille hat sich vertieft. Aber es wird lange dauern, ehe die Luft dort wieder zusammenströmt, wo Fehling stand.

Die Stationen seines „abenteuerlichen Berufs“ (so nannte er selber das Amt des Regisseurs): Nach juristischen und theologischen Studienjahren nach langer Schauspielerlehre, nach einem Anfang in Wien wurde 1920 Berlin erreicht. Berlin und München sahen ihn nach dem Kriege. Wo und wann immer er inszenierte, waren ihm die besten verfügbaren Darsteller und die begabtesten jungen Kräfte an die Hand gegeben. Ihnen allen brannte er seinen Stempel auf. Sie litten unter ihm, entwickelten sich zu Leistungen, die sie selber nicht zu erträumen gewagt hatten.

Von seinem Aufbrausen, seiner Wut werden sagenhafte Geschichten erzählt, die nichtsdestoweniger wahr sind. Ja, er konnte wild und zornig sein, dieser Theater-Gott, der die Menschen auf der Bühne nach seinem Ebenbilde schuf. Doch desto rührender war es, diesen unerbittlichen Geist, dessen Phantasie nie erlahmte, im Kreise der Freunde zu erleben: der Höflichste und Herzlichste von allen. Patrizier aus Lübeck, aus eine; alten Familie, die Senatoren und Bürgermeister gestellt hatte und auch den blassen feinen Dichter Emanuel Geibel (Fehlings Großvater, auf den er stolz war).

Das besondere Merkmal der Kunst Fehlings war, daß sich ein Gipfel der Leistung an den anderen reihte: sie alle hochgetürmt aus intensiver Durchdringung der Handlung, des Wortes. Seine Sicht war dabei aufs Dämonische, aufs Tragische, aufs „Gewitternde“ gerichtet. Er war ein Meister darin, die Situationen sich entwickeln zu lassen, die Entwicklung vorwärts zu treiben. Und dann geschah es, daß die Steigerung zu jenen Momenten magischer Spannkraft führte, die als die zutiefst Fehlingschen Augenblicke im Gedächtnis blieben, nachdem man aus dem Rausch, aus der Selbstvergessenheit erwacht war. Es war ein kalter Rausch, doch desto mehr ein nachhaltiger, ein bleibender. J. M.-M.