Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Juni

Am nächsten und übernächsten Sonntag wird Frankreich wählen. Noch zittert die Unruhe der Aufruhrwochen im Lande nach. Bis kurz vor dem ersten Wahltag wehten über seinen Universitäten die roten Fahnen der Revolution und die schwarzen der Anarchie; und noch immer flackerte der Streik in einigen Herden weiter. Der Wahltag wird Zahltag sein. Aber noch ist es fraglich, wer am Ende die Zeche wird begleichen müssen.

Die Kandidaten des Regierungslagers verbergen mühsam ihren Optimismus; die der Opposition fragen sich besorgt, mit welchen Verlusten sie wohl die Barrikaden büßen werden. Siegesgewiß zeigen sich nur die Kommunisten, denen das ganze Zielfeuer der Regierungspropaganda gilt – sie erwarten, daß ihnen die Wahl einen Stimmengewinn bringt, der deutlich macht, wo die starke Kraft der Linken sitzt. Ein Volksfront-Sieg könnte sie freilich in Verlegenheit setzen, denn ihre Partner von der linken „Föderation“ würden vor der Aussicht, mit den Kommunisten regieren zu müssen, auseinanderbrechen.

Premierminister Pompidou hat der politischen Mitte vorsichtig die Tür zur Regierungsbeteiligung geöffnet – für alle Fälle, obwohl er am liebsten ohne sie auskäme. Es wird überhaupt immer deutlicher, daß General de Gaulle die Wahlen nur als Ersatz für den Volksentscheid betrachtet, den er nicht haben konnte. An seiner Meinung, daß große Dinge nicht aus Parlamenten hervorgehen, hat sich nichts geändert. Das neue Modewort von der „Participation“, der Teilhabe oder gar Mitbestimmung, ist für die Wirtschaft gemeint und für die Universitäten. In der Politik will er damit nicht gestört werden.

In der Tat müssen die ersten Reformen, wenn der Anlauf nicht vergebens bleiben soll, schneller sichtbar werden, als das Parlament seine Arbeit aufnehmen kann. Bis die Preise die gerade angehobenen Löhne wieder eingeholt haben und dann zu einer neuen sozialpolitischen Diskussion noch eine wirtschaftliche Krise droht, muß nach Möglichkeit der Zündstoff entschärft sein, der in den Universitäten herumliegt. Nach den Vorstellungen de Gaulles kann das Parlament die Reformen, die er sich vorgenommen hat, höchstens stören.

Den General beflügelt der Gedanke, Frankreich noch durch das Tor einer neuen Zeit zu führen, die den Kommunismus ebenso ablehnt wie den Kapitalismus. Nur ein überraschender Sieg der Linken könnte ihm diesen Traum brutal zerstören. Aber selbst in diesem Falle, so munkeln die Gaullisten, sei de Gaulle keineswegs am Ende seines Lateins – schließlich habe er schon einmal mit Kommunisten regiert, und die letzten Wochen hätten gezeigt, daß Moskau an einem Umsturz in Frankreich nicht interessiert sei, schon gar nicht an einem Bürgerkrieg mit unwägbaren weltpolitischen Folgen. So wird der Wahlkampf zwar antikommunistisch geführt, aber zugleich treibt der Gedanke, daß sich Gaullismus und Kommunismus als „Ordnungskräfte“ erwiesen hätten, im Regierungslager viele naive Blüten.