Von Gustav Adolf Henning

Warmblütig, leichtfüßig und aufgeweckt, das ist der Eindruck, den der dreiundzwanzigjährige Paläontologie-Student Robert T. Bakker nach zweijährigen vergleichend anatomischen Studien an fossilen Reptilien von den Dinosauriern gewann, die bisher überwiegend als stumpfsinnige, träge und schwerfällige Kaltblüter galten. Mittelgroße 10-Tonnen-Tiere, so kalkuliert Bakker, hätten dereinst das Land im Tempo von fast 50 Stundenkilometern durcheilt.

„Sie waren viel aktiver, als die meisten Wissenschaftler annehmen“, schreibt Bakker im Museums-Magazin „Discovery“, das vom Peabody Museum für Naturgeschichte der Yale-Universität herausgegeben wird. Amerikas führender Dinosaurier-Spezialist Dr. Edwin H. Colbert mochte sich nicht allen Schlußfolgerungen des Jungforschers anschließen, gestand aber zu, daß Bakker einige gute Ergebnisse erzielt habe.

So glaubt Bakker Anhaltspunkte dafür gefunden zu haben, daß die großen Dinosaurier geradeso wie alle Säugetiere und Vögel warmblütig waren und zwei getrennte Herzkammern hatten – die anatomische Voraussetzung für Warmblütigkeit. Erst die Teilung des Herzens in zwei Kammern garantiert, daß rein arterielles, also mit Sauerstoff gesättigtes Blut, in den Körperkreislauf eingepumpt wird. Und nur sauerstoffreiches Blut kann einen so intensiven Stoffwechsel unterhalten, wie er zur Warmblütigkeit notwendig ist. Unter den modernen Reptilien besitzen nur die Krokodile eine getrennte Herzkammer, ihnen fehlen aber die übrigen physiologischen „Installationen“ zur Aufrechterhaltung einer ständig gleich hohen Körpertemperatur.

Zu Beginn des Erdmittelalters, das in Trias-, Jura- und Kreidezeit unterteilt wird, in der Trias also, gab es, wie seit langem bekannt ist, mehrere Stammlinien einer Reptiliengruppe, die sämtlich warmblütig waren und auch andere säugetierähnliche Merkmale besaßen. Diese „Therapsiden“ waren behaart und dürften ihre Jungen aus Milchdrüsen ernährt haben. Aus einer Stammlinie der Therapsiden, den Cynodonten, entwickelten sich die Säugetiere. Aber auch ausgestorbene spezialisierte Reptilien wie die Flugsaurier der Jura- und Kreidezeit sind behaart und warmblütig gewesen.

Im Jura und in der Kreidezeit lebten auch die Dinosaurier, für die Bakker jetzt Warmblütigkeit nachgewiesen zu haben glaubt. „Sie waren schnelle, agile und energiegeladene Geschöpfe“, schreibt er. Unter den Dinosauriern, den beherrschenden Landwirbeltieren des Erdmittelalters, gab es hühnergroße Formen, aber auch die größten Landtiere der Erdgeschichte gehören zu diesem Saurierstamm wie der Diplodocus mit seiner Rekordlänge von 27 Metern oder der Brachiosaurus mit dem Rekordgewicht von annähernd 50 Tonnen (Elefant: 5 Tonnen).

Freilich würde ein warmblütig-munterer Dinosaurus ein schwer lösbares Energierätsel aufgeben. Diese langhalsigen und langschwänzigen Riesen haben so grotesk kleine Köpfe gehabt, daß schon immer verwunderlich war, wie sie mit dem relativ winzigen Maul genug Nahrung zum Unterhalt des gigantischen Leibes aufnehmen konnten. Ein warmblütiger und damit noch mehr auf Energiezufuhr angewiesener Koloß müßte wohl 24 Stunden pro Tag geweidet haben, um seinen Stoffwechselhaushalt zu versorgen.