Von Kai Hermann

Berlin, im Juni

Die Hiobsbotschaft war gerade 24 Stunden alt: Visazwang auf den Zufahrtswegen nach Westberlin. Und Tausende Berliner lägen sich freudetrunken in den Armen. Am Abend, an dem Ulbrichts Grenzer zum erstenmal die Stempel auf die Visaformulare drückten, zogen die Inselbewohner durch ihre eingemauerten Straßen und sangen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Sie plagte kaum das "Gefühl, daß Ulbricht ihnen die Schlinge um den Hals legt" (Bild) Hertha hatte Rot-Weiß Essen 3:2 geschlagen und war schon mit einem Bein in der Bundesliga. Anderntags mochte auch "Bild" nicht mehr Trübsal blasen, zeigte Augenmaß für Proportionen und jubelte über allen Krisenmeldungen: "He – ha – ho – Essen ist k. o."

Kein Zweifel, der Aufstieg eines Berliner Teams zur höchsten Fußballklasse ist ungleich bedeutsamer für das Westberliner Selbstbewußtsein als Ostberliner Nadelstiche. 85 000 jubelten im Olympia-Stadion – fünftausend kamen zur Kundgebung am 17. Juni auf dem Kennedy-Platz, die von der CDU allein wider bessere Einsicht des Senats veranstaltet wurde.

Doch wenn auch Rainer Barzel die sonnenhungrigen Berliner nicht rechtzeitig aus dem Grunewald und den Strandbädern locken konnte, ganz ohne Einfluß blieb die Aufwertung der DDR-Grenzen auf das Berliner Stimmungsbarometer nicht. Es stärkte das Hoch. Die endlich wieder einmal per Anordnung und Volkskammerbeschluß artikulierte Drohung von außen weckte Erinnerungen an heroische Zeiten. Man trug wieder Gelassenheit und Selbstvertrauen, einst weltbekannte Berliner Tugenden, zu Badehose und Hertha-Fähnchen.

Die inneren Probleme der Teilstadt waren vergessen. Über die tiefsten Gräben reichte man sich die Hände. Die Zeitungen schlossen gerührt die radikalen Studenten in die Arme – waren sie doch die ersten an der Mauer mit roten Fahnen und Protest-Resolutionen. Die kleine Berliner NPD-Truppe marschierte photogen aufgepflanzten Bajonetten am sowjetischen Ehrenmal entgegen und durfte sich ebenfalls als gute Berliner feiern lassen.

Die Mehrheit der Berliner ging nicht auf die Straße, sondern verfolgte am Fernsehgerät, wie ihre Stadt über Nacht wieder Geltung in Deutschland und Beachtung in der Welt gefunden hatte. Der Kanzler und sein Stellvertreter kamen, um Mut zuzusprechen. Mehr Geld wurde versprochen. Bangte man in den vergangenen Jahren immer wieder um die Verlängerung des Berlinhilfe-Gesetzes, so ist nun die Befristung ganz aufgehoben. Für Investitionen wurde die Zulage bis zu dreißig Prozent erhöht, Tilgungszeiten für Darlehen wurden heraufgesetzt, Abschreibungsmöglichkeiten für Wohnungsbauten verbessert.