Stall einer Glosse über Byzantinismus: Zitate

An einem sonnigen Herbstmorgen im Oktober 1960 besuchte der Vorsitzende des Staatsrates das Ernst-Haeckel-Museum in Jena. Vor der „Villa Medusa“, dem früheren Wohnhaus des weltbekannten deutschen Biologen, hatten sich junge Pioniere und ergraute Gelehrte eingefunden, um Walter Ulbricht herzlich zu begrüßen. Der hohe Gast schüttelte unzählige Hände und veranstaltete sogleich ein kurzes Examen: Die Schüler wurden gefragt, was sie von Ernst Haeckel wußten ... So erzählte Walter Ulbricht, als junger Genosse habe er neben den Schriften von Marx, Engels und Darwin auch Haeckels „Welträtsel“ mit großem Gewinn gelesen. Den Schülern von heute könne Haeckels Hauptwerk gewiß ebenso nützlich sein. Deshalb freue er sich, daß „Die Welträtsel“ jetzt mit einem modernen philosophischen Nachwort neu aufgelegt worden seien. – Da mußten die Haeckel-Forscher Farbe bekennen: Das Buch sei noch gar nicht erschienen, es gebe Vorarbeiten, aber ein paar Monate werde es noch dauern...

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Im Frühjahr 1961 war Walter Ulbricht in der Deutschen Bücherei in Leipzig zu Gast. Während des Rundgangs durch diesen kostbaren Hort deutschen Geisteslebens offenbarte der Vorsitzende des Staatsrates erstaunliche Detailkenntnisse Die Liebe zum Buch war für Walter Ulbricht nie rein platonischer Natur ...

In seiner großangelegten Rede auf der Internationalen Wissenschaftlichen Session des Zentralkomitees zum 150. Geburtstag von Karl Marx befaßte sich Genosse Walter Ulbricht auch mit den Zukunftsaussichten der beiden Weltsysteme. Dem staatsmonopolistischen Kapitalismus sagte er keine rosige Zukunft voraus. Und diese Voraussage wurde wissenschaftlich begründet. Dabei stützte sich Walter Ulbricht auf ein wenige Tage zuvor erschienenes Buch des westdeutschen Kybernetikers Karl Steinbuch: „Falsch programmiert.“ Bevor die westdeutsche öffentliche Meinung von Steinbuchs originellem Werk überhaupt Kenntnis erhalten hatte, war Genosse Ulbricht schon im einzelnen informiert.

Dr. Harald Wessel in „Neues Deutschland Literatur“ vom 12. Juni 1968

Das Künstlerische ist auch die Wurzel seiner Entwicklung als Politiker und Staatsmann. Seine künstlerische Tätigkeit ist nicht bloß eine zufällige Jugendbeschäftigung dieses Mannes, nicht Umweg des politischen Genies, sondern die Voraussetzung seiner schöpferischen Totalitätsidee.