Wer mit Kommunisten verhandeln will, muß sich mit Geduld wappnen. Die Amerikaner, gewitzt durch ihre Erfahrungen in Korea und Laos, durch das jahrelange Palaver um den österreichischen Staatsvertrag und ihre endlosen Botschaftergespräche mit den Chinesen, hatten sich bei den Pariser Vorverhandlungen mit Nordvietnam von vornherein auf ein langes und zähes Ringen eingestellt. In den ersten sechs Wochen sind die Unterhändler denn auch kaum vom Fleck gekommen. Die Hauptpositionen der beiden Kriegsparteien blieben unverändert starr.

Allmählich jedoch zeigen sich bei den Amerikanern erste Anzeichen der Nervosität, weil sich die Lage auf dem Kriegsschauplatz – weniger für sie als für ihren südvietnamesischen Alliierten – eher verschlechtert als verbessert hat. Delegationsleiter Harriman hat seinen Verhandlungspartnern ernste Konsequenzen angedroht, falls das tägliche Raketenfeuer auf Saigon nicht aufhöre. Es braucht nicht viel Phantasie, sich auszumalen, wie jetzt wieder die „Falken“ in den USA und in Südvietnam Präsident Johnson zusetzen werden. Haben sie nicht recht gehabt, als sie ihn im April vor einseitigen Konzessionen warnten? Warum soll die Zivilbevölkerung von Hanoi noch länger geschont werden, wenn Vietcong und nordvietnamesische Soldaten mit der Bevölkerung in Saigon kein Erbarmen kennen?

Hanoi und die NLF führen seit Mai einen Zermürbungskrieg an zwei Fronten: in den Dschungeln Armanis wie in den Stadtvierteln Saigons und gleichzeitig am Konferenztisch des Hotels Majestic zu Paris. General Giap, der sich in den letzten Wochen mehrmals zu Wort meldete, hat an seiner Entschlossenheit, den Feind durch „Kämpfen und Verhandeln“ zur Aufgabe zu zwingen, nicht den geringsten Zweifel gelassen. Die gegenwärtige Schlacht in Südvietnam sei „ein einziges, langes Dien Bien Phu“ und werde mit einem Sieg der Befreiungsarmee enden: „Nach der Tet-Offensive hat das Pentagon endlich eingesehen, daß es den Krieg militärisch nicht gewinnen kennte, ja, daß die Amerikaner drauf und dran waren, den Krieg militärisch zu verlieren... Das Problem für sie besteht nun darin, wie sie aus dem Krieg herauskommen, anders gesagt: auf welche Weise sie ihn verlieren.“

Angesichts so offen demonstrierter Kampfentschlossenheit, die mit überaus langsamem Verhandlungstempo und nutzlosen Propagandatiraden in Paris einhergeht, wird es die Regierung Johnson schwer haben, einen Ausweg zu finden. Ihr stehen nur diese Möglichkeiten offen: Entweder Abbruch der Gespräche – das hieße: den Krieg eskalieren, mit allen daraus entstehenden internationalen Verwicklungen – oder aber unentwegt weiterzuverhandeln und dabei den Krieg auf Sparflamme weiterzuführen. Für Johnson wäre es freilich ein unbefriedigender Abschluß seiner Laufbahn, müßte er seinem Nachfolger das Problem Vietnam überlassen, ohne sich mit dem Lorbeerkranz des Friedensstifters schmücken zu können. Wenn seine Gegner weiterhin hart bleiben, wird er bald vor einer ähnlich schweren Entscheidung wie im Frühjahr stehen. Soll er dann einen totalen Bombenstopp anordnen?

Fünf Vorbedingungen für Friedensverhandlungen hatten die Unterhändler aus Nordvietnam gestellt: Einstellung aller Bombenangriffe, Verbot der Aufklärungsflüge, Stopp des Artilleriebeschusses von See her, Räumung der entmilitarisierten Zone und Beendigung der psychologischen Kriegführung. Den vierten Punkt haben die Amerikaner inzwischen erfüllt. Seit einigen Wochen wird die Pufferzone von amerikanischem Militär gemieden. Aber die anderen Konzessionen wollen sich Harriman und seine Mitarbeiter nicht ohne Gegenleistung entreißen lassen. Eine Geste – und sei sie noch so bescheiden – würde ihnen schon genügen, etwa die Freilassung der gefangenen Bomberpiloten.

Optimisten wollen bereits Anzeichen für ein Nachgeben der anderen Seite bemerkt haben. Denn neuerdings wird von Hanoi und von der NLF offen zugegeben, daß Truppen aus Nord und Süd Schulter an Schulter kämpfen. Vielleicht soll die Öffentlichkeit auf einen möglichen, begrenzten Abzug regulärer nordvietnamesischer Truppen vorbereitet werden. Aber hier ist wohl Wunschdenken im Spiel. Hanoi hätte es in der Hand gehabt, seine Verbände stillschweigend abzuziehen. Wenn es sich statt dessen des gemeinsamen Kampfes mit der NLF rühmt, so spricht daraus eher ein gestärktes Selbstbewußtsein.

Die Amerikaner sähen es nicht ungern, wenn sich die Gespräche in Paris allmählich aus dem Rampenlicht der Propaganda ins geheime Dunkel der Kulissen verlagerten. Aber Trotzki hat in Brest-Litowsk die Kommunisten gelehrt, wie sie mit dem Kampfmittel der öffentlichen Verhandlung sogar noch aus der Position des hoffnungslos Unterlegenen heraus moralische Erfolge erringen können. Mit wieviel mehr Recht dürfen die „im Felde unbesiegten“ Nordvietnamesen und die Vietcong hoffen, dem amerikanischen Volk den Krieg zu verleiden.

Sogar General Westmoreland, der allzeit optimistische amerikanische Oberbefehlshaber, ließ sich vor seinem Rückflug in die Heimat das Eingeständnis entreißen, es sei unrealistisch, auf einen raschen Zusammenbruch des Gegners zu rechnen. Das ist für einen Militär schon viel an Einsicht. Für den Staatsmann freilich genügt es nicht. K. H. J.