Von Hansjakob Stehle

Ein Tuscheln ging durch den Saal. Wenige Minuten vor dem Beginn der Junisitzung des „Gesamtpolnischen Komitees der Nationalen Front“ ging deren Sekretär, der Nationalen Marzec, auf den katholischen Abgeordneten Zawieyski zu, der sich in die hinteren Reihen verdrückt hatte: „Aber Herr Zawieyski, Sie gehören doch zu uns an den Präsidiumstisch!“ Es war der gleiche katholische Abgeordnete, der sich selbst sechs Wochen vorher im Sejm eine Art politische Leichenrede gehalten hatte.

Zawieyski und seine vier Kollegen hatten am 11. März, schon drei Tage nach Beginn der Studentenunruhen, eine scharfe Anfrage an die Regierung gerichtet und waren dann im Parlament zwei Tage lang als „Überbleibsel der Reaktion“ beschimpft worden. Die Kirche, sonst stets in der Vorhut der Opposition, hatte sich – diesmal klüger als ihre Abgeordneten – zurückgehalten. Erst am 21. März, als der Höhepunkt der innenpolitischen Hochspannung bereits überschritten war, meldete sich der Episkopat mit einem kritischen, doch wohlabgewogenen Hirtenbrief und gab zu verstehen, daß er sich auf die polnische Eigenart verlassen würde, die nichts so heiß zu essen pflegt wie es gekocht wird. Die Szene bei der Sitzung der Nationalen Front und auch andere Anzeichen scheinen dieser Erwartung recht zu geben.

Wenn man dem äußeren Bild ganz trauen dürfte, so könnte man es Ruhe nennen, was gegenwärtig in der polnischen Hauptstadt herrscht. Die Hysterien sind abgeklungen, die das seit langem schleichende Fieber in Partei und Staat nach den Studentenunruhen hatten ausbrechen lassen. Die Jagd nach „Zionisten“ und „Feinden“ aller Schattierungen, die das Ordnungsgefüge des Landes erschütterte und den Mann auf der Straße, der eher zur Teilnahmslosigkeit neigt, politisch verstörte, scheint – auf den ersten Blick betrachtet – vorüber zu sein.