Von Richard Scheringer

Peter Bucher: „Der Reichswehrprozeß. Der Hochverrat der Ulmer Reichswehroffiziere, 1929–30“; Harald Boldt Verlag, Boppard; 524 Seiten, 38,– DM

Als einen der wenigen überlebenden Akteure des Prozesses hat mich die Arbeit Peter Buchers besonders gefesselt. Aber auch gänzlich Unbeteiligte bestätigten mir, daß sich diese wissenschaftliche Dissertation wie ein spannender Kriminalroman liest, obgleich Bucher nach einer eingehenden Darstellung und Analyse des Prozesses und seiner Vorgeschichte noch eine Rekonstruktion der acht Verhandlungstage folgen läßt, die Wiederholungen unvermeidlich macht.

Der Verfasser hat mit dem nötigen Fleiß und der erforderlichen Gründlichkeit alle erreichbaren Unterlagen verarbeitet. Die Rekonstruktion des Prozeßverlaufes war ihm nur nach alten Zeitungsberichten möglich, da die Prozeßunterlagen (drei Bände und ein Paket mit beschlagnahmtem Material) verschollen sind und über die Aussagen in der Hauptverhandlung kein Protokoll geführt worden ist. Diese Tatsache allein spricht Bände und erweckt eine Vorstellung von dem Dickicht, durch das sich Bucher hindurcharbeiten mußte; denn alle Presseberichte jener Zeit sind irgendwie parteipolitisch gefärbt.

Dennoch ist die Schlußfolgerung des Verfassers erstaunlich, es sei nicht die Reichswehr gewesen, die Hitler an die Macht gebracht habe. Natürlich kann man das sagen und stößt damit doch am Kern der Dinge vorbei. Trotz der Ereignisse des Jahres 1923 – als die Generale Seeckt und Lossow den Hitler-Putsch vereitelten – hat die Reichswehr das öffentliche Bewußtsein auf das Dritte Reich vorbereiten helfen und zur legalen Machtübernahme Hitlers entscheidend beigetragen, ebenso wie zur Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges. Bucher spricht das nicht aus, leugnet es sogar, und doch ist es zwischen den Zeilen seines umfangreichen und mit so großer Akribie verfaßten Werkes klar herauszulesen.

Da heißt es richtig, daß Scheringer, wegen nationalrevolutionärer Umtriebe von den Besatzern im Rheinland verurteilt, ins unbesetzte Deutschland flieht, zur „Schwarzen Reichswehr“ geht, am Küstriner Putsch im Oktober 1923 teilnimmt und am 1. April 1924 in die reguläre Reichswehr als Offiziersanwärter eingestellt wird. Die weiteren Fakten:

  • In der Ausbildungsbatterie wird gesungen: „Hakenkreuz am Stahlhelm ...“
  • Bei der Rekrutenvereidigung verschlucken Scheringer, Ludin und andere jenen Teil der Eidesformel, in der es um die Verteidigung der Weimarer Republik geht, und zwar mit Wissen ihres nächsten Vorgesetzten, Oberleutnant Häffkers.
  • Als Leutnant ändert Scheringer die „Berufspflichten“ (Kriegsartikel) und fügt ihnen einen Passus an, nach dem es die Pflicht des deutschen Reichswehrsoldaten sei, den Grundstock zu bilden für eine neue Armee, mit der man wieder frei werden könne. Vorgesetzte, bis hinauf zum Divisionskommandeur, billigen das.
  • Ein Flugblatt mit den gleichen Gedanken, gegen „Pazifisten“ und „Erfüllungspolitiker“, wird in die verschiedensten Garnisonen verschickt, ohne daß je etwas davon herauskommt, selbst im Prozeß nicht.