/ Von Rolf Zundel

Bonn, im Juni

Mauch einer ist enttäuscht, der ihn bei einem offiziellen Interview erlebt hat. Groß, korpulent, unbeweglich und knopfäugig sitzt er da und ist zu keiner falschen, aber auch zu keiner originellen Antwort zu bewegen – ein biederer, nicht untüchtiger Funktionär, der es relativ weit gebracht hat. Ausgerechnet ihm ist nun das wichtigste Amt zugefallen, das die SPD unter dem Zwang der Parteikrise eingerichtet hat. Hans-Jürgen Wischnewski, derzeit noch Entwicklungsminister der Bundesrepublik, ist Bundesgeschäftsführer der Sozialdemokraten geworden.

Enge Mitarbeiter Wischnewskis warnen freilich davor, sich von seiner mitunter perfekten Darstellung des gehobenen Funktionärs täuschen zu lassen. Journalisten, die ihn jüngst auf einer Afrikareise begleitet hatten, berichteten, wie es unter dem Eindruck des Debakels in Baden-Württemberg aus ihm herausbrach: „Jetzt muß etwas geschehen!“ Wischnewski hat seine Vorschläge für das neue Amt gemacht, und er wird sich, da er schließlich auch als der richtige Mann dafür befunden wurde, nicht scheuen, diese Pläne auch in die Praxis umzusetzen.

Organisationsfragen, Öffentlichkeitsarbeit, Vorbereitung des Wahlkampfes, politische Planung – der Aufgabenfächer des Bundesgeschäftsführers ist wahrlich groß genug, nicht zuletzt deshalb, weil diese Aufgaben seit dem Regierungseintritt der SPD und seit dem Exodus der führenden Köpfe aus der SPD-Baracke ins Kabinett liegengeblieben sind. Die SPD hat regiert, aber dabei ist die Partei aus dem Tritt gekommen, die Kommunikation zwischen Führung und Partei ist gestört.

Einen großen Teil der Aufgaben eines Geschäftsführers hat bisher Herbert Wehner wahrgenommen. Trotzdem wehrt sich Wischnewski gegen die Vermutung, sein Amt diene dazu, den Vater der Großen Koalition zu entmachten. Zwar ist es kein Geheimnis, daß er Willy Brandt besonders freundschaftlich verbunden ist, aber gut ist auch sein Verhältnis zu Wehner, ebenso das zu Helmut Schmidt. Der Bundesgeschäftsführer besitzt unbestrittenermaßen ein großes Vertrauenskapital in der Partei.

Wischnewski kennt die SPD von innen. Als dreiundzwanzigjähriger Oberleutnant der Panzergrenadiere hatte er nach dem Krieg klein anfangen müssen. Zuerst verdiente er sich seinen Unterhalt als Metallarbeiter, wurde Mitglied der SPD und der Gewerkschaft, arbeitete dann sechs Jahre lang als Gewerkschaftssekretär in Köln. Er ist heute noch Vorsitzender des Kölner SPD-Kreisverbandes, der zu den unbequemsten der Partei zählt. Als Vorsitzender der Jungsozialisten (1959–1961) hat er sich viele nützliche Kontakte geschaffen; als Gewerkschaftler steht er zweifellos dem Hamburger Senator Ruhnau näher als dem Südhessen Radke, aber er hat ein Faible für die menschlichen Qualitäten des SPD-Linksaußen von der IG Metall. Wischnewski mag Gönner haben, Feinde hat er sicher wenige. Er wird als ein Mann geschätzt, der ohne lange theoretische Vorreden, aber auch ohne Tricks zur Sache kommt.