ZEIT: Sind die Rückschläge der SPD allein auf mangelnde Organisation und mangelnde Werbetechnik zurückzuführen? Oder hat die Führung Fehler gemacht?

Schmidt: Es ist in erster Linie ein Führungsproblem insofern, als die politische Führung dieser Partei das Unbehagen an der Großen Koalition, zwar ihrer Tendenz nach richtig, aber ihrem Gewicht nach zu gering eingeschätzt hatte. Es sind auch eine Reihe von Führungsfehlern gemacht worden. Einer dieser Fehler ist die Behandlung des Problems der Wahlrechtsreform gewesen, die von der Führung unserer Partei – und ich schließe mich selbst dabei ein – nicht mit der nötigen Intensität und Konsequenz vertreten worden ist.

Darüber hinaus gibt es Organisationsmängel und Kommunikationsmängel. Als die SPD noch Opposition war, ist die ungewöhnliche Energie und Arbeitsleistung Herbert Wehners in starkem Maße in die innere Organisation der Sozialdemokratischen Partei hineingeflossen, während sie heute zu einem erheblichen Teil in die innere Arbeit der Bundesregierung fließen muß. Die dadurch unbesetzt gebliebenen Felder der Arbeit innerhalb der Partei sollen jetzt durch einen Bundesgeschäftsführer bearbeitet werden. Aber diese Konsequenz ist, wie man offen zugeben muß, ein Jahr zu spät gezogen worden.

ZEIT: Sehen Sie noch in dieser Legislaturperiode einer Möglichkeit, die Wahlrechtsreform durchzusetzen?

Schmidt: Ich halte die Wahrscheinlichkeit für nicht sehr groß, was ich bedaure. Allerdings wächst in schnell zunehmendem Maße unter den Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei das Verständnis für die Bedeutung, die eine Reform des Wahlrechts für die materielle Verfassung der zweiten deutschen Demokratie, über zehn oder zwanzig Jahre gesehen, haben wird. Ich bin immer ein prinzipieller Gegner von Koalitionen gewesen: ich bleibe ein Gegner des Zwangs zu Koalitionen. Deshalb möchte ich ein Wahlrecht schaffen, das eine höhere Aussicht bietet, daß eine Partei allein regieren und daß die andere Partei allein opponieren kann. Auf diese Weise werden die politischen Alternativen zwischen dem, der regiert, und dem, der opponiert, für den Bürger sehr viel klarer erkennbar, als das in einer auf Verhältniswahlrecht beruhenden Demokratie möglich wäre.

ZEIT: Glauben Sie, daß die SPD diese Roßkur überlebt?

Schmidt: Ihre Sorge um die Sozialdemokratische Partei rührt mich zutiefst. Die SPD hat schon sehr viel länger bestanden als Ihre Zeitung, sie wird auch längeren Bestand haben als die Zeitung, für die Sie gegenwärtig schreiben. Ich habe da gar keinen Minderwertigkeitskomplex.