Der Wahlkampf in Frankreich – kurz, aber hart – setzt vor allem zwei Blöcke gegeneinander: Hier Kommunisten und Sozialisten, dort Gaullisten. Welche Rolle ein dritter Block spielen könnte, den die „Zentristen“ bilden, ist noch umstritten. So laßt uns also einige Betrachtungen über eine neue Partei anstellen, die der Einförmigkeit entgegenwirkt, eine heitere Arabeske, dem ernsten Bilde der französischen Gegenwart hinzugefügt, und die denn auch keinerlei Aussicht auf Erfolg hat. Ich meine die „Partei der Autofahrer“.

Ist’s eine revolutionäre oder nur fortschrittliche Partei? Man könnte es meinen, da alles, was sich von selber dreht, zum Beispiel ein Motor, mit der Aura von Fortschritt umgeben zu sein scheint. Nun kenne ich aber zufällig jemanden, der diese neue Partei wählen wird. Er ist ein älterer Herr, wohnt in der Pariser Altstadt, im Quartier von St.-Germain-des-Pres, und schwärmt davon, wie er vor Jahrzehnten die engen Gassen durchfahren konnte, ohne den parkenden Autos links oder rechts Kratzer zuzufügen. Es war ihm sogar ein leichtes, den Wagen vor seiner Haustür abzustellen. So sollte es wieder sein, meint er. Wie einst in den schönen Zeiten seiner Jugend! Die „Partei der Autofahrer“ ist also eine restaurative, eine rückschrittliche Partei.

Der ältere Herr, von dem wir reden, hat nun sein tätiges Leben damit verbracht, bei Renault Autos zu fabrizieren, die, zusammen mit anderen Fabrikaten, Paris mit Blech und Stahl angefüllt haben. Jetzt sind die Straßen fast alle verstopft. Für die vollmotorisierten Pariser ist dies natürlich ein großes Herzeleid. Einerseits wollen sie auf das Auto nicht verzichten, andererseits sollen die Straßen frei werden. Der Ausweg? Wählt die „Partei der Autofahrer“!

Natürlich hat eine Partei ein Programm, und ein solches war leicht gefunden. Es werden Forderungen an die Behörden und an den Staat erhoben. Breitere Straßen und mehr Parkplatz, aber ohne daß beispielsweise die Altstadt abgerissen wird! Mehr Parkhochhäuser, aber möglichst ohne Platzmiete! Und obendrein eine höfliche, hilfsbereite Polizei. Alles Dinge der Unmöglichkeit, was jedem einleuchtet, der nicht zur „Partei der Autofahrer“ gehört, das heißt: kein Idealist ist.

„Also eine Partei der Träumer“, sagte ich.

„Im Gegenteil, eine Partei der Realisten“, betonte er. „Wie soll ich der großen Politik Geschmack abgewinnen, solange ich täglich zwei- bis viermal ganz realen Ärger mit dem Fahren und dem Parken habe? Was der Hunger in Bombay anrichtet, das richtet die Verkehrsmisere in Paris an. Sie ist übrigens genauso tödlich. Kurzum: Erst parken, dann politisieren!“

Sein Hinweis auf den Hunger gab mir ein Wort Friedrichs des Großen ins Gedächtnis. „Eine Armee“, sagte der, „muß vom Bauche her auferbauet werden.“ Das heißt: Ohne Essen keine Schlachten. In heutiger Version: Ohne Parken kein demokratischer Bürgersinn.