Nur durch tiefgreifende Reformen wird sich unser Wirtschaftssystem behaupten können

Wenn sich Völker nach vernünftigen Kriterien entscheiden würden, dann müßte die ganze Welt kapitalistisch sein. Keine andere Wirtschaftsordnung ist so leistungsfähig, kann gleichzeitig Wohlstand und Freiheit versprechen. Wo auf der Welt gibt es ein Land, dessen Bürger in einer überall respektierten Währung bezahlt werden, jedes Jahr mit steigenden Einnahmen rechnen, völlig frei reisen und wenn sie wollen auch auswandern, also ihre Heimat wechseln können – wo auf der Welt gibt es ein solches Land, das nicht auch „kapitalistisch“ wäre?

Nur hoffnungslose Utopisten, die dem Wahn erliegen, man könne eine perfekte Ordnung errichten, werden die Beseitigung eines unbestreitbar erfolgreichen Systems anstreben, statt die Chance zu nutzen, es zu verbessern. Die Vorgänge in Frankreich aber zeigen, daß die Losung „Umsturz ist besser als Reform“ immer noch verführerischen Klang hat. In keinem Privatunternehmen ist der Arbeitskampf mit solcher Erbitterung geführt worden wie in den staatlichen Renault-Werken – und dennoch blieb der Ruf nach Sozialisierung der einzige „Programmpunkt“, auf den sich die Linke einigen konnte. In dem (leider zu wenig!) kapitalistischen Frankreich ist gewiß viel, sehr viel zu reformieren – aber eine überzeugende Alternative zum „kapitalistischen System“ wurde auch in den heißen Juni-Tagen nirgendwo artikuliert.

Und dennoch: Es kann nicht genügen, daß die auf Privateigentum und Wettbewerb beruhende Wirtschaftsordnung bisher überzeugende Leistungen vorzuweisen hat. Kapitalismus im Übergang zur postindustriellen Gesellschaft, wie Herman Khan die kommende Überfluß Wirtschaft genannt hat, das bedeutet: die Formen unseres Systems dürfen nicht erstarren, es muß in Bewegung bleiben.

Drei wesentliche Reformen sind notwendig, damit sich der Kapitalismus behaupten kann:

Erstens muß die Lenkungsfunktion des Staates anerkannt werden, nicht nur im Bereich der Konjunktur- und Sozialpolitik. Der Staat sollte zwar gewiß keine Unternehmen betreiben, aber die Sauberhaltung der Flüsse und Sanierung der Städte, die Entsalzung des Meerwassers, der Flug zum Mond und die Modernisierung des Bildungswesens sind von entscheidender ökonomischer Bedeutung – und durch Wettbewerb nicht zu erreichen.

Zweitens muß der Weg zum Volkskapitalismus entschieden weitergegangen werden. Ein System, das wenigen sehr viel, manchen einigen, aber den meisten gar keinen Anteil an den Produktionsmitteln einräumt (die heute der Reichtum eines Landes sind), ist nicht nur ungerecht, sondern – schlimmer noch – auf die Dauer instabil.