Wir sind froh, daß wir Hans Werner Henze mit seinem Werk „Das Floß der Medusa“, das dem Andenken Ché Guevaras gewidmet ist, für unsere Reihe „Komponisten dirigieren eigene Werke“ gewinnen konnten. Auch Luigi Dallapiccola wird ein Konzert dirigieren. Wir erhoffen uns von den Aufführungen dieser Reihe vor allem die Authentizität der Interpretation. Wir wollen aber auch unserem Publikum neben dem Werk die Persönlichkeit des Komponisten vorstellen.

Wir haben eine alte Gepflogenheit fortgesetzt und Beethovens Neunte Symphonie mit einem ideenverbundenen Werk kombiniert; diesmal ist es Luigi Nonos „Guernica“ – hier die Zerstörung eines Zigeunerdorfes und dort der Aufruf „Alle Menschen werden Brüder“: Wir wollen zeigen, was Menschen an Bösem tun können, aber dazu auch, welche Hoffnung für die Menschen besteht.

Wir werden Lutoslawskis 2. Sinfonie spielen, die vor gar nicht allzu langer Zeit beim „Warschauer Herbst“ uraufgeführt wurde. In einem, weiteren Programm bringen wir das im vorigen Jahr komponierte „Dies irae“ von Krzysztof Penderecki, das den Opfern von Auschwitz gewidmet ist.

Wir sind keine Uraufführungsjäger. Wir haben gleichwohl drei Uraufführungen in unserem Programm, darunter das preisgekrönte Werk eines Wettbewerbs.

Warum lieben die Hörer Beethovens Neunte? Weil sie sie oft vorgesetzt bekommen. Und warum lieben sie das Moderne nicht? Weil sie es nur einmal hören können. Es ist deswegen unser Bestreben, moderne Werke zu wiederholen und so beim Publikum Interesse dafür zu wecken.

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Dies alles sagte ein deutscher Generalmusikdirektor bei der Vorstellung seines Programms für die kommende Saison. Allerdings kein westdeutscher: Herbert Kegel, Chef des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters, sprach über seine kommenden öffentlichen Konzerte. Was er benannte, Henze, Dallapiccola, Nono, Lutoslawski, Penderecki, war kein sozialistischer Realismus, sondern auch für westliche Ohren Avantgarde, um die Kegel hart hat kämpfen müssen. Wer spielt diese Stücke bei uns?

Und: Welcher westdeutsche Generalmusikdirektor stellt den sorgfältig gesetzten Worten der Parteipolitiker von ach so ferner deutscher Einheit ein Programm entgegen mit Werken von Hanns Eisler, Paul Dessau, Gerhard Wohlgemuth und Siegfried Matthus? Und wer von ihnen käme gar auf die Idee, „unserem Publikum neben dem Werk die Persönlichkeit des Komponisten vorzustellen“? Heinz Josef Herbort