Ein brillanter Einfall, diese beiden Stücke miteinander zu kombinieren, Robert Neumanns „Luise“ und Martin Walsers „Zimmerschlacht“ (I. Teil), aber ich fürchte, das Publikum hat es nicht gemerkt. Es folgte Walser mit freundlichem Amüsement, der eigenen Eheschwächen tolerant gedenkend, die es auf der Bühne reproduziert sah. Weit weniger identifizierte es sich mit der Abortfrau Luise, die im Untergeschoß des Hamburger Hauptbahnhofs zum Rauschen der Züge und der Toiletten diversen Besuchern ihr nicht unbewegtes Leben dahin- und daherquasselt.

Gerade die Verbindung zwischen beiden Stücken aber war das Interessante. Zweimal wurde Bilanz gezogen. „Oben“, zwischen Gelsenkirchener Barock und Rüschgardinen, Kanarienvogel und Television in der Ecke, geriet der Mief einer zwanzigjährigen Ehe in Bewegung. „Unten“, im Hauptbahnhof, focht Luise ihren Kampf mit der Vergangenheit aus, Abortfrau mit Pensionsberechtigung, nicht ohne gutbürgerliche Ambitionen. Der Aufstieg war hart gewesen. Von der Damenringkampfbühne auf der Hamburger Reeperbahn ging er über die Herren von der Gestapo in der polnischen Verwaltung (wo sie nur mit Offizieren verkehrte); nach Vergewaltigung durch Russen reüssierte sie dann als politisch Verfolgte im Westen. Aber die Pension wollte sie in Thüringen verzehren.

Verschiedene Besucher stören sie auf, kurz vor Abfahrt ihres Zuges in die DDR. Sie bewältigt ihre Vergangen heil spielend mit Sprüchen von geradezu schon flüssig gewordener Schizoidität. Das Glück ist ihr hold. Der Kriminalbeamte, der sie verhören soll, war selbst ein Nazi, und ein jüdisch-amerikanischer Seelsorger hinterläßt 200 Dollar, weil 1942 einmal eine Abortfrau im Hamburger Hauptbahnhof einen Juden gerettet hat. Das war zwar nicht sie, aber auch Luise hatte, wie alle, einmal einen Juden gerettet... Glück über Glück. Die sechzehnjährige Tochter, die sie schon ganz vergessen hatte, bringt ihr zum guten Schluß noch einen Bräutigam mit Villa, Auto und Würstchenfabrik Luise verzichtet auf den Pensionsverzehr in Thüringen.

Beide Stücke sind Sozialstudien des kleinen Arrangements, witzig boshafte Enthüllung der schäbigen Art, wie man sich so durchlaviert. Studien, die einander ergänzen: die eine zeigt die bürgerliche Restauration in der leicht durchlöcherten Ehe-Idylle, die andere die politische Basis. Der Neumann-Einakter ist ein Qualtinger-Dialog, diesmal mit Frau Karin, oder Luise.

Und beide Stücke, ursprünglich Hörspiele, erprobten das Theater. Neumann bewegt sich mehr in der Nähe des Kabarettistischen, Walser schafft ein neues Genre, den Reihenhaus-Boulevard.

Unter der Regie von Walter Knaus wurde glänzend gespielt. Brigitte Drummer als Trade und Günter Heising lieferten subtile Kabinettstückchen ehelicher Kleinquerelen, und Birgit Füllenbach fehlte in ihrer Monolog- und Mammutrolle als Hamburger Toilettenfrau nur eines: der Hamburger Dialekt. Marianne Kesting