Nachrichtensendungen des 1. und 2. Programms der vorigen Woche

1.

Interview mit einem Vorsitzenden: Ludwig Rosenberg, in Moskau interviewt und aus großer Distanz photographiert, sprach bedächtig und abgewogen, im Kommuniqué-Stil, über die Gespräche mit seinem Kollegen aus der Sowjet-Union, akzentuierte jedes Wort, ließ Pausen zu Satzzeichen werden ... und kam dann doch ins Stolpern, als er, auf jüngste Ereignisse eingehend, Länder nannte, was nur Gebiete sein dürfen. (Merke: Im Gegensatz zur Bundesrepublik besteht die DDR. aus Land, ist aber keins, ist, als anderer Teil Deutschlands, sehr wohl ein Gebiet, aber kein Staat, ist eine aus fester Erdoberfläche und flüssigem Element gebildete Formation, der jene Herrschaftsordnung fehlt, durch die, wie es im Brockhaus heißt, ein Volk auf abgegrenztem Gebiet durch hoheitliche Gewalt zur Wahrung gemeinsamer Güter und Werte verbunden ist. Eine res also, doch eine res publica nicht.)

2.

Erklärungen von Innenministern: Der eine klatschte während seiner Rede nach sowjetischem Brauch in die horizontal vor der Brust versammelten Hände; der andere veranschaulichte, als er die Schwurhand erhob, den Begriff Sorgenfalle aufs schönste. Der eine sprach von Deutscher Demokratischer Republik und von Visa-Gebühren, er stammte aus dem anderen Teil, der andere, der aus dem einen Teil stammt, hatte den Wählern das Widerrufen der Kehler Beschlüsse, den Satz „Es ist eine neue Lage entstanden“ (war sie in Kehl nicht vorhersehbar, wurde nicht diskutiert?) und den Respekt vor innerparteilicher Demokratie zu erklären. (Beide, der Innenminister der DDR und der Innenminister des Landes Baden-Württemberg, hatten wenig miteinander gemein – außer dem einen, unvernarbbaren, unvergeßlichen Trauma derer, die ein Jahrhundert lang am Katzentisch saßen und nun zeigen wollen, daß sie dazugehören, die Etikette bestimmen und, als Regierende am Ehrenplatz, auf Respekt Anspruch haben.)

3.

Vergleich zweier Nachrichtensendungen: Die französische Regierung, hieß es am Mittwoch, dem 12. Juni 1968, um 19 Uhr 30 im Zweiten Deutschen Fernsehen, habe einige revolutionäre und anarchistische Gruppen verboten. (Verboten einige ihrer Ansicht nach revolutionäre und anarchistische Gruppen, vernahm man es dreißig Minuten später im Ersten Programm.)