in neues olympisches Jahr bringt immer eine Flut von Büchern hervor, die sich gewöhnlich durch einen Mangel an Realismus und durch einen Überfluß an sentimentaler Romantik auszeichnen. Aus England kommt der Roman „THE GAMES“ (Cassel, London, 442 S., 36 sh), von einem australischen Journalisten, Hugh Atkinson, geschrieben, in dem nicht ein einziges Mal von Hellas die Rede und der dennoch als eine meisterhafte Fehlleistung zu werten ist.

Er beginnt mit der Umschlagswerbung: „Die Steigerung zur großartigen Zerreißprüfung des olympischen Marathonlaufs macht diesen aufregenden Roman nicht nur zu einer Offenbarung, sondern darüber hinaus zu einem Kreuzzug. Hier spielt sich die Wirklichkeit ab, jene Wahrheit, die hinter der Glut der olympischen Flamme versteckt liegt.“ Wer sich durch diese 450 Seiten durchgelesen hat, weiß, daß einerseits eine beißende Satire auf das IOC geschrieben worden ist, die schlichtweg meisterhaft ist, andererseits Athleten im Training, Wettkampf, in vertikalen wie horizontalen Übungen vorgestellt werden, die die kühnsten Erwartungen eines an James Bond geschulten kleinen Sport-Moritz übertreffen.

In London heißt es, daß sich der Verfasser von einem Institut für Marktanalyse die Erfordernisse eines sportlichen Bestsellers habe zusammenstellen lassen, um sich dann von einem Stab namenloser Mitarbeiter eine realistische Tatsachendokumentation vergangener Olympischer Spiele zu besorgen. Nachdem er sich selbst durch einen Berg sportlicher Literatur durchgelesen haben muß, deren Spuren in seinem Roman immer wieder aufgucken, habe er sich die Garantie von £ 22 000 gewähren lassen, bevor er die erste Zeile getipppt hätte.

Mr. Atkinson berichtet über die Vorbereitungen der Olympischen Spiele von Santa Ana, die in Zentralamerika 2400 Meter über dem Meeresspiegel veranstaltet werden sollen. Allerdings verzichtet der Autor darauf, dem Leser einen Bericht zu geben, was sich 1962 in Baden-Baden abgespielt hat, als ein König und ein Assortiment von Prinzen, Herzögen, Lords und Generälen den später so phantastisch angemuteten Beschluß faßte, Olympische Spiele auf halbem Weg zum Mont Blanc zu veranstalten. Was dem Leser vorgesetzt wird, erscheint viel glaubhafter. In Washington wirkt eine staatliche Kommission, deren einzige Aufgabe es ist zu verhindern, daß sich Castro auf dem amerikanischen Festland einnisten könne. Deswegen müssen jene wackligen Republiken um so strammer an Lyndon B. Johnsons Gängelband genommen werden.

Es sieht ganz besonders bedenklich in Santa Ana aus, wo das Monopol der New Yorker Zinnbörse in Gefahr schwebt, weil ein Bürgerkrieg zwischen zwei ehrgeizigen Ganoven in Uniform auszubrechen droht. Um diese Zwergrepublik für Onkel Sam zu sichern, faßt dieses Komitee die teuflische Idee, mit Hilfe einer gewiegten Public-Relations-Firma und der CIA das IOC so geschickt zu bearbeiten, daß die Spiele schließlich nach Santa Ana vergeben werden.

Die Operation „Goldmedaille“ beginnt auf dem IOC-Kongreß in Bombay, wo die amerikanische Aktion erst einmal Zwiespalt zwischen dem westlichen (Lyon) und östlichen (Prag) Bewerber schafft, so daß die entscheidenden Stimmen beinahe für Detroit abgegeben werden. Nur ist der Stimmführer der amerikanischen Delegation ein prominentes Mitglied der republikanischen Partei und ein mit allen Wässerchen gewaschener Kumpan von Matthew C. Kaverley, dem Vorsitzenden des IOC. Kaverley ist eine herrlich bitterböse Parodie auf Avery Brundage, eine schneidende Satire auf seinen egozentrischen Größenwahn, eine tiefenpsychologische Analyse dieses Mastodons vorsintflutlicher Sportanschauungen, von einem Beobachter niedergeschrieben, der mehr über diesen „Erfinder des olympischen Meineids“ zu sagen weiß als das ganze IOC zusammen.