Fast zwei Jahre lang gab es in Deutschland auf politischer Ebene keine vermögenspolitische Diskussion. Nun plötzlich häufen sich die Vorschläge von Parteien und Verbänden, von Unternehmern und Professoren.

Die Motive sind unterschiedlich. Bei den Parteien spielen schon heute die nächsten Wahlen eine Rolle; und auf der Unternehmerseite zeichnet sich die Tendenz ab, mit Anregungen zur Vermögensbildung das Thema Mitbestimmung zu umschiffen. Die Situation ist einigermaßen kurios. Während sich die Gewerkschaften in Schweigen hüllen, übertreffen Parteien (in erster Linie die CDU) und Unternehmerverbände einander mit neuen Vorschlägen.

Der Übelstand, der behoben werden soll, nämlich das Ausmaß der ungleichen Vermögensverteilung in Deutschland, ist dabei gar nicht genau bekannt. Die Professoren Gleitze und Krelle haben in jüngster Zeit umstrittene Berechnungen vorgelegt. Krelle kam für das Jahr 1963 zu dem Ergebnis, daß ein Siebtel allen privaten Vermögens einem Tausendstel der Bürger gehört, daß 1,7 Prozent der Bevölkerung über 70 Prozent der Produktionsmittel verfügen und daß in dem Zeitraum von 1950 bis 1963 in der Gruppe der Selbständigen (ohne Landwirte) der Vermögensstand jährlich pro Kopf um 22 000 Mark stieg, bei den Arbeitnehmern nur um 2100 Mark.

Gleitze will mit seinen Berechnungen beweisen, daß von dem neugebildeten Sachvermögen in der Zeit von 1948 bis 1966 nur 17,4 Prozent auf die Arbeitnehmer und rund 80 Prozent auf Selbständige und Unternehmungen sowie öffentliche Haushalte entfallen.

So umstritten diese Berechnungen sind, so klar scheint andererseits, daß, am gesamten Vermögensstand der Bundesrepublik gemessen, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Diesen Übelstand will man heute auf zwei grundsätzlich verschiedenen Wegen begegnen. Die Professoren Gleitze und Krelle fordern eine Beteiligung der Arbeitnehmer an der Neu-Vermögensbildung über eine direkte überbetriebliche Ertragsbeteiligung.

Die anderen Vorschläge, darunter sind die bekanntesten die Pläne von Friedrich Stützel, Haeußler und der Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer (ASU) lehnen die direkte überbetriebliche Ertragsbeteiligung ab und fordern statt dessen eine im Kern fiskal-politische Umverteilung mit Vergünstigungen für beide Seiten, für die Armen und die Reichen,

Krelle schlägt vor, daß alle Unternehmen einer bestimmten Mindestgröße jährlich zehn bis zwanzig Prozent des Bruttogewinns an einen Fonds abgeben (in Form von Aktien, Schuldverschreibungen oder Bargeld . Ein bestimmter Ertragsanteil muß jedoer dem Fonds eine echte Beteiligung am Unternehmen einräumen. Die Unternehmen verlieren dadurch, solange sie nicht bar zahlen, effektiv kein Geld. Aber ihre Finanzierungsspielraum wird eingeschränkt.