Von Karl Günter Simon

Erfolg können Sie nur messen, wenn Sie vorher das Ziel formulieren“, sagte mir Friedrich Adolf von der Decken, Art-Direktor bei der Werbeagentur McCann in Frankfurt, „und unser Ziel hieß einfach, bekanntzumachen: es gibt einen neuen TEE.“ Der TEE heißt „Rembrandt“ und fährt von München nach Amsterdam. Zuerst wollten wir einen Zug à la Rembrandt malen lassen. Das war langweilig. Dann sagten wir unserm Graphiker: „Male einen Zug, wie ihn Rembrandt malen würde, wenn er heute lebte...“ Graphiker F. K. Waechter von Pardon malte den „Rembrandt“ à la Roy Lichtenstein: die Bundesbahn hatte ihre erste Pop-Reklame. Die zweite ist inzwischen da: „Wir machen Urlaub“, wieder mit Pop, wieder mit Waechter à la Lichtenstein.

Werbung ist Pop“, sagt von der Decken, „und Pop ist Werbung.“

Die Werbeleute – ehedem mühsam nach einer Rechtfertigung ihres Daseins suchend – haben ein neues, doppeltes Selbstbewußtsein: einerseits werden sie von einer Wirtschaft, in der Phase verschärften Wettbewerbs immer mehr gebraucht – andererseits sind sie künstlerisch rehabilitiert: durch Pop. Der Erfolg von Pop war zugleich eine Reklame für die Reklame.

Woher der Erfolg? „Die Welt wird immer komplizierter“, sagt von der Decken, „da muß man die Abbilder vereinfachen.“

Tatsächlich, wer längs durch Kunst- und Literaturgeschichte läuft, sieht den Vorgang sich wiederholen: immer, wenn die Welt komplizierter wird, versucht die Kunst ihr zuerst zu folgen, wird selbst komplizierter, bis zum Preziösen – um sich dann in jähem Umschwung zu „vereinfachen“, zu erneuern, indem sie sich an trivialen, unverbrauchten Genres inspiriert. Wer vor Jahren sah, wie Künstler – nach der Zeit des abstrakten Expressionismus und der neosymbolistischen Lyrik – das Triviale wiederentdeckten, wie Picasso einen Fahrradlenker verwandelte, wie Dürrenmatt zum Krimi fand („Literatur muß wieder leicht werden“), wie Grass Blechtrommeln, Köche und Heringe bedichtete, wie Jahrmarktskünste à la Pantomime neu erblühten, der konnte Pop schon prophezeien. Allan Kaprow hat die fünf Interessenfelder aufgezählt, aus denen Pop sich auflud: erstens die Massenpublikationsmedien der Zeitungen und Illustrierten, Comics und Werbeanzeigen; zweitens die Welt der Stars, die Images der Jugend; drittens die Supermärkte, Discountläden und Stehimbisse; viertens die entpersönlichte Heraldik industrieller und patriotischer Insignien (Straßenschilder, Flaggen, Geldscheine, Warenzeichen); fünftens die „Modellwohnung“, wie sie in Wohnungszeitschriften auftaucht.

Die Werbung – Pop-ig sollte man eigentlich wieder sagen: Reklame – hat mit alledem zu tun. Sie steckt in Illustrierten und Supermärkten, sie macht die Stars und die Warenzeichen und die Modellwohnungen. Pop und Werbung – das Verhältnis ist innig, die Liebe gegenseitig: Pop hat sich an der Werbung inspiriert – inzwischen inspirierte sich die Werbung (von Natur aus formalavantgardistischer als Illustrierte, Supermärkte oder Geldscheine) an Pop.