Pophelden siegten über die Seehelden

Das andere Geschlecht wird ignoriert – Der "Heilige" als "allmächtiger Detektiv"

Von Robert Lucas

Als ich acht Jahre alt war, wollte ich Jockey werden. Wer mich kennt, dürfte wissen, daß ich eher ein Pferd hätte werden können als ein Jockey. Aber das tut nichts zur Sache. Jedenfalls hätte ich damals die Demoskopie in Verwirrung gestürzt, wenn mich eine reizende Meinungsbefragerin mit gezücktem Bleistift gefragt hätte:

"Nun, Kleiner, wer ist dein Idol?"

"Knackfuß!" hätte ich ohne Zögern geantwortet.

Heute kann ich es ja gestehen: Ich hatte Knackfuß nie gesehen. Ein anderer Junge in meiner Klasse hatte mir von ihm erzählt. Er hatte mir in unerhört dramatischer Weise beschrieben, wie sein Vater auf ein Pferd gewettet hatte, das Knackfuß ritt. Knackfuß, der Glorreiche, schlug alle Rivalen. Seither träumte ich cavon, ein zweiter Knackfuß zu werden.

Nun ja, damals gab es noch keine Demoskopie in Europa. In Amerika jedoch hatte schon etliche Jahre vorher, nämlich 1902, ein gewisser Earl Barnes eine Befragung angestellt, um herauszubekommen, welche Art von Persönlichkeiten Kinder im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren als ihre Idole betrachten. 1925 machte eine englische Psychologin, Frau Dr. R. Macauley, eine ähnliche Studie. Ein Londoner Psychiater, Dr. S. Benaim, hat nun das Experiment wiederholt und die Ergebnisse unlängst mit den Resultaten der Erhebungen vor 63 und 40 Jahren verglichen.

Pophelden siegten über die Seehelden

Die Untersuchung wurde so spät bekannt, weil Dr. Benaim offenbar wenig Sinn für Aktualität hat; er ließ die Ergebnisse zunächst in seiner Schreibtischlade liegen – mit der Absicht, sie in ein größeres Werk einzufügen, an dem er gemächlich arbeitet.

Die Voraussetzungen für den Vergleich waren natürlich nicht gleich. Die Verhältnisse in Amerika stimmten auch 1902 nicht mit jenen in England überein. Frau Dr. Macauleys Untersuchung stützte sich auf die Aussagen von 1600 Jungen und Mädchen im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren. Dr. Benaim wiederum beschränkte seine Befragung auf 284 Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren, die einer bestimmten Londoner Koedukationsschule angehören.

Allerdings war diese Schule für den Zweck besonders geeignet, da ihre Kinder – unter ihnen Söhne und Töchter ebenso von Arbeitern wie von Ministern – einen nahezu typischen Querschnitt durch die jugendliche Bevölkerung darstellen. Aber diese Vorbehalte sind nur von geringer Bedeutung: Der Vergleich, den Benaim anstellen konnte, enthüllt eine so klare Entwicklungstendenz, daß kleine statistische Schwankungen nach oben oder unten ihren Wert nicht beeinträchtigen können.

Verwandte entthront

Die entscheidende Frage, die in allen drei Fällen an die Kinder gerichtet wurde – wiewohl ihre Formulierung nicht immer die gleiche war –, lautete ungefähr: "Welche Persönlichkeit betrachtest du als eine ideale Gestalt, mit der du dich identifizieren möchtest?" 1902 erklärten dreißig Prozent der Jungen, eine Person aus ihrer Umgebung sei ihr Idol: Vater oder Mutter, ein anderer Verwandter, ein Freund oder Nachbar. 1925 waren es nur noch zwanzig Prozent. 1965 war der Anteil auf sechs Prozent zusammengeschrumpft: Die Gestalt aus dem Bekanntenkreis hatte ihre magische Attraktion verloren.

Bei den Mädchen war derselbe Trend festzustellen, wenn auch nicht im gleichen Grade. Hier sind die Vergleichszahlen, übersichtlich zusammengestellt:

Personen aus dem Bekanntenkreis stellten 1925 eindeutig die größte Gruppe der Kindheitsheroen, dann folgten die fiktiven Helden der Kinderbücher, prominente historische Gestalten – Kriegs- und Seehelden, Entdecker – und schließlich religiöse Gestalten, Monarchen und Millionäre.

Pophelden siegten über die Seehelden

Alle diese Gruppen haben, wie Dr. Benaim feststellte, seither in der kindlichen Phantasie eine Entwertung erfahren. 1925 fanden noch 22 Prozent der Jungen und Mädchen ihre Idealgestalten in Büchern; vier Jahrzehnte später waren es nur noch sechs Prozent. Noch schlimmer erging es den Heroen der Geschichtsbücher, den Siegern in Land- und Seeschlachten, den Weltumseglern und Afrikaforschern: 1925 stimmten noch 21 Prozent der Kinder für sie, 1965 kein einziges. In der jüngsten Erhebung führte ein Prozent der Kinder eine religiöse Gestalt als ihr Ideal an (konkret ausgedrückt: drei Mädchen schrieben den Namen Jeanne d’Arc auf den Fragebogen), während es 1925 noch neuneinhalb Prozent waren.

Im Phantasiereich der Kinder, in ihren Wunschträumen und den Tempeln ihrer Anbetung sind offensichtlich die alten Götter und Götzen gestürzt worden. Welche neuen Idole sind an ihre Stelle getreten?

Hier gewinnt Dr. Benaims Untersuchung eine besondere Faszination, denn ihre statistischen Ergebnisse spiegeln die erstaunliche Wandlung wider, die sich durch die Einwirkung der Massenmedien in der kindlichen Psyche vollzogen hat. Frau Dr. Macauley hatte zeitgenössische Persönlichkeiten, die dank ihrer eigenen Leistungen berühmt geworden waren – Schriftsteller und Künstler, Politiker und Sportler –, in einer eigenen Gruppe zusammengefaßt. Vier Prozent der Kinder sahen 1925 in Mitgliedern dieser Gruppe ihr erstrebenswertes Ideal. 1965 war, wie Benaim feststellte, der Anteil auf zwölf Prozent gestiegen. Hier gaben die zehn- und elfjährigen Jungen den Ausschlag (besonders viele von ihnen bezeichnetenWinston Churchill als ihr Idol); für sie haben offensichtlich Fernsehen und Rundfunk den Horizont des Verständnisses und Interesses über die Schranken hinaus erweitert, die ihren Eltern im gleichen Alter gesetzt waren.

Noch dramatischer offenbart sich der Einfluß des Fernsehens in der dominierenden Rolle, die völlig neue Idole in den Wunschträumen und Ambitionen der Kinder spielen: 30 Prozent nannten in der letzten Befragung Pop-Stars als die Persönlichkeiten, denen zu gleichen ihre größte Sehnsucht ist, 21 Prozent wählten imaginäre Gestalten aus Fernsehprogrammen und zehn Prozent Filmstars oder fiktive Filmpersönlichkeiten. Die Heroen der Massenmedien haben die alten Götter von ihren Piedestalen verdrängt. In den realen oder imaginären Gestalten dieser 1925 noch gar nicht existierenden Gruppen sehen heute nahezu zwei Drittel der Kinder ihr bewundertes Vorbild.

Shaw und Jagger

Frühere Untersuchungen haben bereits darauf aufmerksam gemacht, mit welcher Intensität Kinder das Geschehen auf dem Bildschirm erleben. TV-Persönlichkeiten werden – besonders wenn sie in Programmserien erscheinen – als Mitglieder der Familie angesehen, und zwar als die bei weitem interessantesten Mitglieder.

Welche Chance hat heute der geplagte pater familias, der müde aus dem Büro oder dem Betrieb zurückkehrt, gegenüber dem verwegenen Meisterdetektiv, der wie ein reinigendes Feuer unter den Kreaturen der Unterwelt wütet? Wie kann der gute, alte Onkel Julius mit seinen ewigen Erzählungen von der Jungfernfahrt der "Queen Elizabeth", an der er zufällig teilnahm, gegen die kühnen Weltraumfahrer aufkommen, die sich nach einem atemberaubenden Kampf gegen drei Dutzend Marsmenschen auf der Venus (dem Planeten, bitte) von ihren Strapazen erholen? Und wie könnten sich die Kinderbuchhelden von gestern mit den aufregenden Pop-Stars von heute messen, die leibhaftig und langhaarig das Wohnzimmer mit ihren Kehlkopf- und Gitarrenlauten füllen?

Pophelden siegten über die Seehelden

Fast hat es den Anschein, als ob die kleinen Mädchen aufgehört hätten, für Männer zu schwärmen. 1902 bezeichneten noch 45 Prozent der elfjährigen Mädchen einen Mann als ihr Idol; 1925 noch 20 Prozent – und 1965 kein einziges. Unter den Jungen führte 1902 eine kleine Anzahl eine Frau als ihr Ideal an – der Anteil schwankte je nach der Altersgruppe zwischen drei und zwölf Prozent –, bei der letzten Befragung ignorierten sie einfach das andere Geschlecht.

Offenbar sind sich die Kinder unserer seximprägnierten Zeit viel früher der petite difference bewußt. So identifizieren sich auch die pop fans unter den Kindern mit Stars ihres eigenen Geschlechts: Die Mädchen möchten wie Cilla Black sein oder wie Sandy Shaw oder Dusty Springfield, und die Jungen wie Cliff Richard, Mick Jagger oder die Beatles. Der Höhepunkt der Pop-Star-Verehrung wird bei den Mädchen mit acht Jahren erreicht und bei den Jungen – die der Psychose nicht im gleichen Maße zum Opfer fallen – mit neun.

Umgekehrt verfallen offensichtlich die Jungen stärker dem Charisma fiktiver TV-Helden, der Faszination der Heroen der Wildwestprogramme, der großen Detektive und men of action, mit denen die Flimmerkiste ihren Sinn fürs Abenteuer anfeuert. Zehn Prozent bezeichneten die Detektivgestalt des "Saint" (Heiligen) als ihr Idol. In die Rubrik des Fragebogens, in der die Kinder Gründe für ihre besondere Wahl anzugeben hatten, schrieben sie: "weil der Saint allmächtig ist" oder "weil er Wunder vollbringt" oder auch "weil er unversehrt aus allen Gefahren hervorgeht". Und das ist sehr merkwürdig; denn 1925 hatten die Kinder von damals mit derselben Begründung Christus als ihr Idol bezeichnet.

Können wir aus dieser Befragung irgendwelche Schlüsse auf die Zukunft der Kinder ziehen? Mit anderen Worten: ist das Bekenntnis zu einem bestimmten Idol ein Hinweis auf den künftigen Lebensweg oder Beruf eines Jungen oder Mädchens? Vermutlich ist diese Frage nie untersucht worden. Ich weiß nicht, von welchem Idol Napoleon träumte, als er neun Jahre alt war, oder Einstein. Aber ich vermute, daß die Jungen, die den Namen Churchill oder Mick Jagger auf den Fragebogen setzten, einmal wackere Buchsachverständige, Gemüsehändler oder Elektriker sein werden. Ich bin ja schließlich auch kein Jockey geworden.