Alle diese Gruppen haben, wie Dr. Benaim feststellte, seither in der kindlichen Phantasie eine Entwertung erfahren. 1925 fanden noch 22 Prozent der Jungen und Mädchen ihre Idealgestalten in Büchern; vier Jahrzehnte später waren es nur noch sechs Prozent. Noch schlimmer erging es den Heroen der Geschichtsbücher, den Siegern in Land- und Seeschlachten, den Weltumseglern und Afrikaforschern: 1925 stimmten noch 21 Prozent der Kinder für sie, 1965 kein einziges. In der jüngsten Erhebung führte ein Prozent der Kinder eine religiöse Gestalt als ihr Ideal an (konkret ausgedrückt: drei Mädchen schrieben den Namen Jeanne d’Arc auf den Fragebogen), während es 1925 noch neuneinhalb Prozent waren.

Im Phantasiereich der Kinder, in ihren Wunschträumen und den Tempeln ihrer Anbetung sind offensichtlich die alten Götter und Götzen gestürzt worden. Welche neuen Idole sind an ihre Stelle getreten?

Hier gewinnt Dr. Benaims Untersuchung eine besondere Faszination, denn ihre statistischen Ergebnisse spiegeln die erstaunliche Wandlung wider, die sich durch die Einwirkung der Massenmedien in der kindlichen Psyche vollzogen hat. Frau Dr. Macauley hatte zeitgenössische Persönlichkeiten, die dank ihrer eigenen Leistungen berühmt geworden waren – Schriftsteller und Künstler, Politiker und Sportler –, in einer eigenen Gruppe zusammengefaßt. Vier Prozent der Kinder sahen 1925 in Mitgliedern dieser Gruppe ihr erstrebenswertes Ideal. 1965 war, wie Benaim feststellte, der Anteil auf zwölf Prozent gestiegen. Hier gaben die zehn- und elfjährigen Jungen den Ausschlag (besonders viele von ihnen bezeichnetenWinston Churchill als ihr Idol); für sie haben offensichtlich Fernsehen und Rundfunk den Horizont des Verständnisses und Interesses über die Schranken hinaus erweitert, die ihren Eltern im gleichen Alter gesetzt waren.

Noch dramatischer offenbart sich der Einfluß des Fernsehens in der dominierenden Rolle, die völlig neue Idole in den Wunschträumen und Ambitionen der Kinder spielen: 30 Prozent nannten in der letzten Befragung Pop-Stars als die Persönlichkeiten, denen zu gleichen ihre größte Sehnsucht ist, 21 Prozent wählten imaginäre Gestalten aus Fernsehprogrammen und zehn Prozent Filmstars oder fiktive Filmpersönlichkeiten. Die Heroen der Massenmedien haben die alten Götter von ihren Piedestalen verdrängt. In den realen oder imaginären Gestalten dieser 1925 noch gar nicht existierenden Gruppen sehen heute nahezu zwei Drittel der Kinder ihr bewundertes Vorbild.

Shaw und Jagger

Frühere Untersuchungen haben bereits darauf aufmerksam gemacht, mit welcher Intensität Kinder das Geschehen auf dem Bildschirm erleben. TV-Persönlichkeiten werden – besonders wenn sie in Programmserien erscheinen – als Mitglieder der Familie angesehen, und zwar als die bei weitem interessantesten Mitglieder.

Welche Chance hat heute der geplagte pater familias, der müde aus dem Büro oder dem Betrieb zurückkehrt, gegenüber dem verwegenen Meisterdetektiv, der wie ein reinigendes Feuer unter den Kreaturen der Unterwelt wütet? Wie kann der gute, alte Onkel Julius mit seinen ewigen Erzählungen von der Jungfernfahrt der "Queen Elizabeth", an der er zufällig teilnahm, gegen die kühnen Weltraumfahrer aufkommen, die sich nach einem atemberaubenden Kampf gegen drei Dutzend Marsmenschen auf der Venus (dem Planeten, bitte) von ihren Strapazen erholen? Und wie könnten sich die Kinderbuchhelden von gestern mit den aufregenden Pop-Stars von heute messen, die leibhaftig und langhaarig das Wohnzimmer mit ihren Kehlkopf- und Gitarrenlauten füllen?