Ein psychoanalytischer Beitrag zur Neurose im Studium

Von Michael Lukas Moeller

Nach durchschnittlich fünfeinhalb Studienjahren unterziehen sich in der Bundesrepublik etwa 32 000 Studierende (1966) Staats-, Diplom-, Magister- oder Doktorprüfungen. Die große Abschlußprüfung beendet für die meisten einen mehr als zwanzigjährigen Lernprozeß in Schule und Universität. Ihr Ergebnis bildet in vielen Fällen die Basis der beruflichen Entwicklung. Während des ersten Lebensdrittels (Durchschnittsalter bei Studienabschluß: 27 Jahre) durchläuft jeder eine Serie von Prüfungen, die seine Leistungen in offiziellen Noten widerspiegeln soll. Mit diesen Bewertungen bestimmt die Gesellschaft entscheidend das Schicksal des einzelnen.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, daß für die Benotung die intellektuelle Leistung, die zu bewerten wäre, eine geringe Rolle spielt. Die Prüfungsangst, die in der Situation der Beurteilung entsteht, stört die Prüfung als unentbehrliches Meßinstrument am stärksten. Ihre folgenreichsten Wirkungen sind die Störungen der intellektuellen Funktionen. Sie eskalieren während der Prüfungsvorbereitungen nicht nur ständig die Angst, sondern reduzieren vor allem die spezifisch geforderte Leistung in den Hochschulprüfangen. Sie lassen zweifeln, ob Prüfungsergebnisse allein repräsentativ für die Fähigkeit des Prüflings sein können, ob sie vergleichbar sind, ob Prüfungen in dieser angstaktualisierenden Form geeignet sind, Kenntnisse zu beurteilen.

Angst ist eine Reaktion auf eine Gefahrensituation. Wie jede psychische Reaktion ist sie eine Resultante dreier Kräfte: Sie ergibt sich gleichermaßen aus dem Trieb und dem Ich der Person und aus der umgebenden Realität. Die Konstellation dieser Kräfte bestimmt Manifestation oder Latenz eines Konfliktes, entscheidet über Art und Stärke der Reaktion, in diesem Falle der Angst. Das gegenseitige Verhältnis von Persönlichkeitsstruktur des Prüflings und der besonderen Prüfungssituation bedingt somit die Prüfungsangst. Die Prüfungssituation ist jedoch besonders bestimmt durch den Prüfer als dialogischen Partner und die vorgeschriebene Prüfungsordnung als einen Faktor der Institution. (Darüber hinaus ist für die Prüfung nicht allein die aktuelle Situation, sondern sind eine Vielzahl weiterer Faktoren, zum Beispiel die Vorbereitungszeit, die Art des Prüfungsstoffes, Bedeutung der Prüfung und so weiter, entscheidend, die ein Prüfungsfeld konstituieren.)

Ob normale oder neurosenbedingte Angst vorliegt, ist schwer zu ermessen. Individuelle Bereitschaft des Prüflings, Verhalten des Prüfers und die Art und Weise der Prüfung greifen ineinander. Jede Prüfung birgt ein Risiko, kann eine adäquate Angst hervorrufen. Die Stärke der normalen Angst spielt jedoch eine verschwindende Rolle gegenüber der Stärke einer neurosenbedingten Angst. Freud sagt, der Neurotiker verhält sich der Angst gegenüber infantil, er ist der Gefahr hilfloser ausgeliefert.

Die Betonung der normalen Prüfungsangst hat freilich für alle Beteiligten (Prüfling, Prüfer und Verwalter der Prüfungsordnung) einen besonderen Wert: Sie maskiert die neurosenbedingte Angst, legitimiert fixierte, unreife Zustände in Individuum und Institution. Mit den Worten eines Studenten: „Um die Prüfung mache ich mir keine Sorgen, da darf man ja Angst haben.“