H. St., Belgrad im Juni

Keinen Augenblick ließen die Jugoslawen den Bundesaußenminister spüren, daß es ein Canossa-Gang war, der ihn nach Belgrad geführt hatte. Als Willy Brandt am dritten Tag, vorbei an zahmen Rehen, zu Titos „Bella Villa“ kam, tat die milde Luft der Insel Brioni ein übriges, um den Gesprächen jede Schärfe zu nehmen. Die Vergangenheit wurde kaum berührt, ja man schien es Brandt nicht einmal übel zu nehmen, daß er ohne ein greifbares Gastgeschenk nach Belgrad gekommen war, abgesehen von der Aufhebung des Visumszwanges für jugoslawische Deutschland-Besucher. Eine besondere Pikanterie: am gleichen Tage führte die DDR den Visumzwang für Deutsche ein.

Außenminister Nikeciz erhielt einige Zusagen für den künftigen Gastarbeiter-Vertrag, für ein Handelsabkommen, ein Kultur- und Kooperationsabkommen, sowie für eine Unterstützung der jugoslawischen Wünsche an die EWG – aber nichts davon war sehr konkret. Daß dennoch keine Unlust aufkam und selbst die leidige Wiedergutmachungsfrage von den Jugoslawen nicht übermäßig hochspielt wurde, war allein dem Vertrauensvorschuß zuzuschreiben, den man dem SPD-Vorsitzenden gewährte. Die Bonner Große Koalition allein flößt dieses Vertrauen nicht ein, wie Brandt auch von Tito zu hören bekam.

Wenn der Minister nach der Begegnung von Brioni dennoch von einem „Schubs nach vorn“ sprach, den er erhalten habe, so bestand dieser vor allem in der Ermunterung, nun auch die Konsequenzen aus der Wiederanknüpfung mit Belgrad für die Ostpolitik zu ziehen. Nikeciz sagte es nicht nur Brandt, sondern jedem, der es hören wollte: Ohne Anerkennung der DDR und der Oder-Neiße-Grenze werde Bonns Ostpolitik keinen Boden unter die Füße bekommen; und wenn es soweit komme, werde man ja sehen, wer die Entspannung wirklich wünscht. Die Jugoslawen scheinen Hinweise dafür zu besitzen, daß manchen Regierungszentralen des Warschauer Pakts gegenwärtig nichts unbequemer wäre, als von der Bonner Politik mit solchen Tatsachen konfrontiert zu werden. Sie möchten manchem ihrer kommunistischen Freunde gern zu solcher Unbequemlichkeit verhelfen, weil sie sich davon eine wohltätige Wirkung auf die innere Entwicklung dieser Länder und für den europäischen Frieden versprechen. Nicht zuletzt deshalb ersparten sie Brandt Canossa-Peinlichkeiten. Ihnen brauchte er auch nicht erst klarzumachen, was er bei der Belgrader Pressekonferenz einem polnischen Korrespondenten zu bedenken gab, der ihn nach dem Einfluß der NPD-Wahlerfolge auf die Ostpolitik fragte: daß die osteuropäischen Staaten „nicht so rasch wieder eine Regierung in Bonn haben werden, die sich auf so breiter parlamentarischer Basis um Zusammenarbeit mit allen Nachbarn bemüht“.

Diese Pressekonferenz, vornehmlich von osteuropäischen Korrespondenten bestritten, war ein Glanzstück der Jugoslawien-Reise Brandts. Schlagfertiger denn je ließ er sich nicht einmal durch die Hallstein-Doktrin schrecken; sie habe bei der Wiederanknüpfung mit Belgrad, die „im Wissen um die Realitäten von 1968“ vollzogen wurde, keine Rolle gespielt, sagte er ohne Zögern. Den „deutschen Landsmann“ von der Ostberliner Agentur ADN klärte Brandt freundlich darüber auf, daß Bonn die DDR nicht isolieren wolle, ja, ihr „Erfolg auf den Weltmärkten wünscht“, durch das Verhalten Ostberlins jedoch nicht gerade ermuntert werde, für das internationale Prestige der DDR einzutreten. „Wir sind schließlich keine Masochisten.“ Nicht zuletzt imponierte Brandt seinen Gastgebern durch die Gelassenheit, mit der er auf den Ostberliner Querschuß gegen den Berlin-Verkehr zu reagieren schien. Ob das nicht wirklich zu einer ernsten Berlin-Krise führe, wurde er gefragt. „Wollen wir es dazu machen?“, lautete die Gegenfrage. Vom Bemühen um ein besseres Verhältnis zu Moskau werde er sich „auch durch eine noch so kalte Dusche“ nicht abbringen lassen, entgegnete Brandt. Zwar konnte er die Kunst des Waschens, ohne naß zu werden, auch in Belgrad nicht erlernen. Aber es ermunterte ihn doch, daß die Jugoslawen trotz zehn Jahren unterbrochener Beziehungen keinen kalten Guß bereitgestellt hatten.