Um Demonstranten und Demokratie geht es beiden – dem Polit-Anwalt Mahler und dem Polizei-Psychologen Sieber

/ Von Werner Dolph

Berlin

Rechtsanwalt Horst Mahler erweist sich ironischerweise als Kind des Establishments. Sein Vater, Angehöriger einer schlagenden Verbindung, war Zahnarzt. 1949, nach seinem Tode, aus Furcht, ihre Kinder könnten kommunistischen Einflüssen erliegen, geht die Mutter von Dessau nach Westberlin. 1955, an einer der dortigen Stätten repressiver Erziehung, besteht Sohn Horst das Abitur mit Auszeichnung.

Marx liest er, um ihn zu widerlegen – daß es dialektischerweise anders kommen würde, sieht er nicht voraus. Die „Studienstiftung des deutschen Volkes“, finanziert von öffentlicher Hand und Industrie, Hervorbringerin einer so soignierten Erscheinung wie Gerhard Schröder: diese Elitestiftung zur „Hochbegabtenförderung“, großzügiger Mäzen zur Heranbildung künftigen Establishments, nimmt ihn in ihre Reihen auf. Was Liberalität leisten kann, zeigt sich an dieser Institution: Fast alle führenden APO-Köpfe Berlins sind Studienstiftler.

Ein Schulkamerad und der Wunsch, irgendwo dazuzugehören, führen Mahler in die schlagende Landsmannschaft „Thuringia“. An deren Trink- und Verhaltensregeln findet er einiges abstoßend, aber nicht so, daß es ihm unerträglich wäre. Demnächst schlägt er vier Pflichtmensuren. Ganz fern ist ihm die ferne Zeit noch nicht: Nach der Art der benutzten Schläger gefragt, antwortet er: „Wir nennen es Speere.“

Irgendwann in dieser Zeit ändert sich der Weg. 1956 tritt Mahler in SPD und SDS ein. Korporation und SPD, man höre, halten eine Doppelmitgliedschaft noch wechselseitig für unvereinbar. Mahler beantragt und erhält von der Verbindung den ehrenvollen Austritt: Wir sehen uns zurückversetzt in die ritterlichen Zeiten der klaren Unterscheidbarkeit.