Von Gerhard Bartels

München

Im ersten Stock der Villa Renatastraße 69 in Nymphenburg stehen drei Buchstaben an der Tür: „OKO“. Ein Herr öffnet, der sich als Bruder Linus entpuppt, seines Zeichens Novizenmeister von der Kongregation der Missionsbrüder des Hl. Franziskus. Dann kommt der 33jährige Diplom-Psychologe Georg Sieber, von manchen Leuten „heiliger Georg“ genannt, lädt zum Sitzen in einem Zimmer ein, in dem auf einem Gestell ein halbes Dutzend säuberlich numerierter Tonbandgeräte stehen, und lüftet das Geheimnis der drei Buchstaben an der Tür: „Das P hat einer von uns als Souvenir mitgenommen.“ Siebers Büro heißt POKO. Und was sich hinter der Abkürzung verbirgt, ist eine 24köpfige „Studiengruppe für politologische Psychologie und Kommunikationsforschung“.

Die Studiengruppe arbeitet für den Orden des Bruders Linus, und zwar in der Nachwuchswerbung. Sie konzentrierte sich beispielsweise auf die Werbung von Missionaren: „50 Mann nach Paraguay“. Blätter mit Schattenrissen bärtiger Männer mit Tropenhelmen, die auf Eseln in die Ferne reiten. Ein reich bebilderter Prospekt, der mit Zitaten aus Karl May („Das Vermächtnis der Inka“) beginnt und mit Bildern aus dem Missionshaus der Brüder endet.

Aber nicht nur katholische Brüder werden von POKO-Jungmännern mit psychologisch untermauerter Nachwuchswerbung bedient, auch die Nachwuchswerbung für die Polizei gehört zu ihren Obliegenheiten.

Aber zwischendurch gehen alle zum Demonstrieren – studienhalber, wie Sieber sagt. Bei 32 Zusammenstößen zwischen demonstrierenden Bürgern und der Polizei analysierten sie unter den Strahlen der Wasserwerfer das Verhalten beider Seiten. Ein Ergebnis ihrer Analyse trug Sieber kürzlich im Polizei-Institut Hiltrup auf einer Arbeitstagung der oberen Polizeichefs „über Fragen der Verwendung der Polizei“ vor: „Die Strukturbedingungen von Demonstrationsgruppen sind kontrollierbar und bieten die Voraussetzung zur Steuerung solcher Gruppen und auch anderer Versammlungen“.

Weitere Erkenntnisse: „Demonstrationsgruppen bestehen niemals als amorphe Masse, sondern stets als eine Vielzahl von spontanen Kleingruppen mit wechselnder Zusammensetzung und wechselnden Führungsverhältnissen.“ Das Verhalten dieser Kleingruppen sei voraussagbar, da es bestimmten Gesetzmäßigkeiten folge. Die für den polizeilichen Einsatz wichtigste Gesetzmäßigkeit sei der Zeitrhythmus: Die Entwicklung eines „Verhaltensmusters dauert bei eingetretener Inaktivität bis zum Beginn einer Aktivität mindestens zehn, höchstens zwanzig Minuten“.