Von Günther Currle

Das Buch heißt „Die Spiele“ (bei Paul Zsolnay, Wien/Hamburg, 22,– DM), geschrieben hat es Hugh Atkinson, im Klappentext vorgestellt als „Redakteur, Drehbuchautor, Produzent von Kulturfilmen, Polo-Spieler von Weltklasse und Amateurjockey“; der Autor wurde mit mehreren Literaturpreisen bedacht, „Die Spiele“ sind sein vierter Roman.

„Die Spiele“, die Olympischen Spiele natürlich; Thema des Buches ist also der Sport, aber auch die Politik und – die Liebe. Wogegen beileibe nichts zu sagen wäre, hätte das Ganze nicht den fatalen Untertitel „ein Tatsachenroman“. Ein Widerspruch in sich, denn dichterische Wirklichkeit ist allemal etwas anderes als die Alltagsrealität des sogenannten Tatsachenberichts – sie ist es auch noch im Zeitalter des Dokumentartheaters. So müht sich Atkinson denn auch mehr oder weniger geschickt, Sportler, Sportfunktionäre und Ereignisse unserer Tage mühsam zu verschlüsseln: Avery Brundage beispielsweise tritt als Multimillionär Mathew Kaverly auf, Mexico City nennt sich Santa Ana.

Gezeigt wird im ersten Teil, wie die Vergabe der Spiele nach Santa Ana (es liegt, selbstverständlich, 2400 m hoch) bewerkstelligt wurde. In Bombay tagen die Herren des IOC, politische und finanzielle, aber auch amouröse Machenschaften (da wird der eine geschickt gegen den andern ausgespielt) spielen dabei ebenso eine Rolle, wie der konzentrierte Einsatz des Geheimdienstes einer Weltmacht auf dem amerikanischen Kontinent; da wird der Machtkampf der Blöcke (Ost, West, dritte Welt) gezeigt, da ist von vielem die Rede – nur nicht viel vom Sport.

So weit von den Tatsachen entfernt scheint dies, nach allem was wir wissen, freilich gar nicht zu sein. Um aber dem Anspruch des Romans als literarischer Gattung gerecht zu werden, fabriziert der Autor folgende Vorrede: „Dieses Buch handelt nicht von Olympischen Spielen, die stattgefunden haben ... Die Handlung, ihre Schauplätze und Gestalten sind eine frei erfundene Projektion dessen, was geschehen könnte, gestattete man, daß Politik und Geld jenen Geist der olympischen Bewegung korrumpieren, aus dem die Spiele geboren wurden. Als dieses Buch in Druck ging, waren sich der Präsident und die Funktionäre des IOC der Gefahren wohl bewußt und taten ihr Bestes, sie zu bannen.“ Da mache sich der Leser seinen eigenen Reim.

An drei Sportlern, Marathonläufern, zeigt der Autor, wie man sich auf die Spiele vorbereitet. Da ist der Engländer Harry Hayes, „der eiserne Kämpfer“, dessen unerbittlicher, fanatischer Trainer (eine der faszinierendsten Gestalten des Romans) ihn in einer eigens konstruierten Unterdruckkammer auf die extreme Höhenlage von Mexi- pardon, Santa Ana, vorbereitet; da ist der Amerikaner Scott Reynolds, der allen andern deshalb überlegen ist, weil er von der Natur ausgestattet wurde mit einer „abnormen Vermehrung roter Blutkörperchen“, wie sie manchmal bei Menschen vorkommen, die in großen Höhen leben (für „Forschung und Hintergrund“ ist bei Atkinsons Roman ein Mann namens Phillip Knigthley zuständig!); und da ist schließlich, als Dritter im Bunde, der Australier Sunny Pintubi, der Mann aus dem Busch, das Naturtalent. Ganz am Rande taucht auch ein Ron Clarke auf, der einen Rekord nach dem andern läuft – bei den Spielen selbst erscheint er jedoch nicht...

Höhepunkt des Romans ist denn auch der olympische Marathonlauf. Harrys fanatischer Trainer, dem der Läufer blind zu gehorchen gelernt hat, hat seinem Schützling eingeimpft: Du läufst heute als erster Mann die 42,2 km unter 2 Stunden (!), und, wer hätte es gedacht, Harry ist auf dem besten Weg dazu. Reihenweise kippen die Läufer um, sterben auf der Strecke, Akbah, der Äthiopier (sic!) scheidet aus, kurz vor dem Stadiontor aber, den sicheren Sieg in Rekordzeit vor Augen, biegt der führende Engländer in ein Seitengäßchen ein und verschwindet – der Leistungssport hat einen Sklaven verloren, Harry kehrt in den Schoß seiner Familie zurück, die er um des eisernen Trainings willen verlassen hatte, er hatte seinen persönlichen Triumph, die andern, sein Trainer, die Funktionäre, die Journalisten, kümmern ihn nicht mehr. Reynolds, der US-Boy, taumelt mithin als erster ins Stadion; er verfehlt die Bahn, kommt aus der Richtung, rast geradeaus auf eine Betonmauer und stirbt. Pintubi, der „Schwarze mit den blauen Augen“ gewinnt das Rennen. Offizieller Befund: Reynolds war nicht gesund, die Schuld liegt nicht bei denen, die Santa Ana auserwählt haben.