Der Tod einer Legende

Von Karl-Heinz Janßen

Der alte Kaiser lag auf dem Totenbett. Bismarck trat auf den jungen Sekonde-Lieutenant zu, der vor dem Sterbezimmer Wache hielt: „Daß Sie heute Totenwache haben, ist ein großer Augenblick für Sie, der wird Ihr Leben begleiten.“ Des Deutschen Reiches Macht und Größe, die von Wilhelm I., Bismarck und Moltke begründet worden war, dafür zu leben und zu kämpfen sollten diesem Offizier zeit seines Lebens verpflichtendes Gebot bleiben, auch und gerade, als das Bismarck-Reich daniederlag und er selber einer der mächtigsten, wenn nicht gar der mächtigste Mann in Deutschland geworden war: Johannes Friedrich Leopold von Seeckt.

Seine faszinierende Persönlichkeit hat bis in die jüngsten Tage Historiker und Biographen, Schriftsteller und die Journalisten angezogen – auch und vor allem im westlichen Ausland. Er wurde kritiklos bewundert und blind gehaßt. Schon bei Lebzeiten war er von Legenden umwittert, die er wohl gar noch gepflegt hat, um den geheimnisvollen Reiz seiner Erscheinung zu fördern. Einige seiner geflügelten Worte geisterten in den fünfziger Jahren noch durch die Wehrdebatten des Bundestags.

Nur selten wurden die Legenden und Worte auf ihren Wahrheitskern und ihren Zusammenhang mit der jeweiligen historischen Situation untersucht. Allzu lange formten Öffentlichkeit und Wissenschaft ihr Bild von Seeckt nach der Biographie, die in den Jahren 1938–1940 von General Friedrich von Rabenau herausgegeben wurde. Aus diesem zweibändigen Werk, in dem eine Unmenge von Briefen und Akten aus dem Nachlaß verwertet worden sind, wird bis in unsere Tage immer wieder zitiert. Nur: dieser. Seeckt hat es nie gegeben. Rabenau wollte den Seeckt-Mythos in die nationalsozialistische Zeit hinüberretten, da er mit Recht befürchtete, daß Hitler das Vorbild so vieler Reichswehroffiziere verblassen lassen werde. Darum hat er die Wahrheit frisiert, sofern sie nicht in die nationalsozialistische Weltanschauung hineinpaßte. Da sich schlechterdings nicht leugnen ließ, daß Hans von Seeckt mit Männern wie Rathenau, Ebert, Wirth und anderen Politikern der Weimarer Zeit eng und einvernehmend zusammengearbeitet hatte, mußten ihm Motive unterstellt werden, die ihn als den Gegenspieler des Weimarer „Systems“ erscheinen ließen.

Schöngeist in Uniform

Diese Geschichtsklitterung, die nicht vor falschen Zitaten und stilistischen Korrekturen zurückschreckte, hat den erhofften Erfolg nicht gezeitigt; Hitler, – empört darüber, daß Seeckt als ein moderner Scharnhorst präsentiert wurde, der er freilich niemals gewesen ist – ließ eine Neuauflage des Buches verbieten. Die Täuschung jedoch hat über das Dritte Reich hinaus fast zwanzig Jahre nachgewirkt. Rabenau aber, der das Mißverständnis hätte aufklären können, war nicht mehr am Leben – Hitlers Schergen hatten ihn nach dem 20. Juli 1944 umgebracht.