Nunmehr und endlich liegt eine zweite große Seeckt-Biographie* vor, die das schiefe Bild des Generals wieder zurechtrückt. Ihr Verfasser ist ebenfalls ein Militär: Oberst Dr. Hans Meier-Welcker, der Gründer und langjährige Leiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr – nach Habitus und Gesinnung ein Offizier jenes wissenschaftlichen Typs, wie er dem unvergessenen Generaloberst Beck vorgeschwebt haben mag. Zehn Jahre lang hat er sich in das Leben seines "Helden" hineinversenkt – "ein ganz außerordentliches Erlebnis", wie er rückblickend bekennt –, hat vor allem die vielen Briefe, die Seeckt von 1914 bis 1936 seiner Frau geschrieben hat, ausgewertet und mit viel Liebe zum Detail seitenlang abgedruckt. Hier und da ist der Vorwurf laut geworden, der Biograph sei allzu apologetisch verfahren, aber damit geschieht ihm unrecht. Derlei Urteile hinterlassen den Eindruck, als habe man nicht den Wunsch des Autors befolgt, Seeckt "von der Lektüre des ganzen Buches her" zu sehen und zu verstehen und nicht durch "isoliertes Zitieren" das Verständnis zu zerstören.

Meier-Welcker wird es schwer haben, gegen Rabenau aufzukommen – denn die Legenden haben sich in das Geschichtsbewußtsein unserer Generation eingefressen. In viele Köpfe wird es nicht hineinwollen, daß dieser arrogant wirkende General mit der eisigen Maske nicht der Erzmilitarist, nicht der Erzfeind der Weimarer Republik, nicht der diktaturlüsterne Drahtzieher im Hintergrund gewesen sein soll. Aber jeder Geschichtsschreiber wird sich künftig mit dieser neuen Biographie und ihren so reichlich dargebotenen Quellen auseinandersetzen müssen.

Die vielleicht überraschendste Erkenntnis: Hans von Seeckt war ein Mensch, der seinem Weltbilde nach in jedes frühere Jahrhundert besser hineingepaßt hätte als in das zwanzigste. Außenpolitik erschöpfte sich für ihn im reinen machtstaatlichen Denken; innenpolitisch neigte er konservativ-ständestaatlichen Tendenzen zu (einer "modernisierten Fritzenherrschaft"), und in der Kriegführung träumte er von einer Renaissance der längst vergangenen klassischen Kriegskunst (die Betonung liegt auf Kunst). Er und wohl nur er konnte noch in den dreißiger Jahren den Satz niederschreiben: "Etwas Verwandtes besteht zwischen Lionardos Skizzenbuch und den Entwürfen des Königs Friedrich zu seinen Manövern." Er glaubte noch allen Ernstes, der Soldat könne im Kriege "dem Geist wieder zur Herrschaft über die Materie ... verhelfen".

Seeckt hatte es im Kaiserreich schnell zu Ansehen gebracht. Seine tadellose Erscheinung – er war beliebter Tänzer bei Hofe und übernahm sogar Rollen im Liebhabertheater – mag ihm dabei ebenso behilflich gewesen sein wie seine ausgezeichneten Manieren, seine Intelligenz und seine für einen Offizier erstaunlich vielseitige Bildung. Ein Österreicher nannte ihn einmal den "gebildetsten deutschen General"; er habe ihn bei Tisch gleichermaßen anregend über die Geologie der ungarischen Tiefebene, die chinesische Kultur und die Zeit Julius Cäsars sprechen hören. Seeckt war immer – in seinem Äußeren und in seinem Lebensstil – ein Ästhet, sehr belesen, ein Kenner in Malerei und Architektur, empfänglich für Musik (Mozart vor allen), überhaupt ein Liebhaber alles Schönen, die Frauen nicht ausgenommen. EinemFlirt war er nie abgeneigt, doch wahrte er auch darin strengste Diskretion.

Der badische Mediziner und Politiker Hellpach, der Seeckt schon vor 1914 in einer süddeutschen Garnison kennenlernte, fand, Seeckt sei "in seinem Extérieur preußischer als in seinem Wesen". Die betont steife Haltung, das unbewegte Gesicht mit dem unvermeidlichen Monokel (mit dem er virtuos seine große Kurzsichtigkeit verbarg), der durchdringend scharfe Blick, das spöttische Lächeln um die Mundwinkel, aber auch die Eleganz seiner Erscheinung und seine Eitelkeit, die er gar nicht verhehlte – das alles mußte Seeckt eingefleischten Zivilisten verdächtig machen, die darin typische Zeichen militärischer Arroganz und Menschenverachtung erblicken wollten. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch seine scheinbare Unnahbarkeit. Wie Moltke und Schlieffen verstand auch Seeckt zu schweigen. Er konnte stundenlang wortkarg und verschlossen dasitzen, war dafür aber auch ein guter Zuhörer. Bei Manöverkritiken stand er gern zigarettenrauchend abseits für sich allein – was ihm den Spitznamen "einsame Pappel" eintrug.

Sein Schweigen wurde auch von Untergebenen leicht als kränkend empfunden, und es bedurfte langen Zusammenseins, um zu erkennen, daß sich hinter der grimmigen Maske ein gar nicht kühles Herz verbarg. Bei Gefahren im Kriege und in den trüben Stunden der Niederlage 1918 zeichnete sich Seeckt durch geradezu stoische Ruhe aus. Nicht von ungefähr bewunderte er das Formgefühl der Engländer: "Die Sicherheit bleibt und das eigentlich Bezeichnende: die wunderbare Selbstbeherrschung. Sie ist für mich das Ideal der männlichen Erziehung."

Die unangefochtene Autorität, die sich Seeckt im Laufe der Jahre an der Spitze der Reichswehr erworben hat, wurzelte in dieser Charakterstärke, die sich in den Zeiten des Aufruhrs und Zusammenbruchs als unschätzbares Gut erweisen sollte. Generaloberst Beck hat ihm nachgerühmt, die Truppe habe bald "in dem äußerlich zurückhaltenden, ernsten und schweigsamen Manne vornehmster Haltung den berufenen Führer" erkannt.