Die Führung ist ihm nicht in den Schoß gefallen. Zwar hatte er sich im Weltkrieg als einer der fähigsten Generalstäbler bewährt: er war der Sieger von Soissons und Gorlice, er siegte mit Mackensen auf dem Balkan. Außer der Reihe wurde er zum Generalmajor befördert, der Kaiser verlieh ihm den Pour le mérite mit Eichenlaub. 1916 hatte Seeckt den Vorzug, der väterliche Freund des österreichischen Thronfolgers zu werden, und das Kriegsende erlebte er als Chef des Generalstabes des Osmanischen Feldheeres. Auf der Versailler Friedenskonferenz begegnen wir ihm dann 1919 wieder als militärischem Kommissar der deutschen Delegation. Aber um ganz nach oben zu kommen, dazu bedurfte es viel taktischen Geschicks und kluger Berechnung – besonders nach dem Kapp-Putsch 1920 als er rechtzeitig die Sache der Legitimität zu seiner eigenen erklärte.

Der Sturz der Monarchie, der Niedergang des Reiches, die Auflösung des alten Heeres – das alles hat auch Seeckt tief verwundet (zeitweilig hat er sogar erwogen, aus dem Dienst auszuscheiden und sich dem Diplomatenberuf zuzuwenden), aber schließlich hat er sich doch überraschend schnell der veränderten Situation angefaßt. Er wollte in der Republik mitarbeiten "mit dem Ekel im Herzen und dem Fluch auf der Zunge", denn ein Deutschland, das eines Tages wieder "Weltgeltung" haben sollte, brauchte ein zuverlässiges und gut ausgebildetes Heer, einen "Hort der Ordnung, eine nie versiegende Quelle nationalen Denkens, nationaler Kraft".

Wie aber sollte er in einer Republik eine Armee aufbauen, mit Offizieren, die dem Monarchen den Eid geschworen hatten und von der Treue zum angestammten Herrscherhause auch nicht mehr lassen konnten? Seeckt versuchte, die Armee auf drei Pfeiler zu stellen: Staat, Disziplin und Gehorsam, Kameradschaft. Am schwächsten davon war der zeitlose Begriff des Staates, denn Seeckt wünschte keine Identifikation mit der herrschenden, republikanischen Staatsform, damit nicht die radikalen Rechtskreise oder die Sozialdemokraten die Wehrmacht in eine Parteitruppe verwandeln konnten. Zwar stellte er sich auf den Boden der Weimarer Verfassung (ohne ihren Geist anzuerkennen), doch die Armee sollte ihm, dem Inhaber der höchsten Kommandogewalt, persönlich ergeben sein, während der Eid des Soldaten nicht der Person, sondern nur der Würde des Reichspräsidenten gelten sollte. "Die Republikanisierung der Armee war unmöglich, solange ich da war."

Man hat aus der Rückschau bedauert, daß die Reichswehr ein "Staat im Staate" geblieben und nicht in die Republik integriert worden ist. Aber wie anders hätte eine Armee in Ruhe wachsen können, war doch diese Republik in sich selbst uneins und jahrelang dem Zusammenbruch näher als der Konsolidisierung. Die Sozialisten hatten, es 1918/19, als sie noch die ganze Macht in Händen hielten, versäumt, sich eine "rote" Armee anzulegen; Ebert war das Bündnis mit der alten Armee eingegangen, und als er sich mit ihrer Hilfe der kommunistischen Aufstände erwehrt hatte, da waren es seine eigenen Genossen, die nicht die richtige Einstellung zum Wehrwesen finden konnten. Die Reichswehr wurde nun vornehmlich eine Sache des nationalen Groß- und Kleinbürgertums, die Arbeiterschaft verharrte in Feindseligkeit.

Freilich, eine solche Armee, die einzig zum Instrument technokratischer Herrschaftsausübung bestimmt war, ohne innere Bindung an den demokratischen Geist der Verfassung, mit einem Chef an der Spitze, der seine Verachtung Für den Parlamentarismus offen zur Schau trug – eine solche Armee konnte dann auch Gewehr sei Fuß stehen, als die Nationalsozialisten die Weimarer Verfassung aus den Angeln hoben und ihre schreckliche Diktatur aufrichteten.

General Groener, gegen Ende der zwanziger Jahre Reichswehrminister, hat den verderblichen Einfluß der Seecktschen Haltung auf die Armee erkannt: Mancher seiner Untergebenen werde gedacht haben, "so etwas rechtsradikale Gesinnung ist geeignet, beim obersten Vorgesetzten gut Wetter zu machen trotz aller scharfen Befehle, die er tatsächlich erlassen hat, die aber liemand ernst genommen hat". Jene Gesinnung, von der der ehemalige Reichswehrleutnant Richard Scheringer in diesem Blatt an anderer Stelle berichtet – sie konnte nur auf dem Boden gedeihen, den Seeckt hatte bereiten helfen.

Die Historiker sind sich darüber einig – und die Schöpfer der Bundeswehr haben daraus ihre Lehren gezogen –, daß eine Machtfülle, wie sie Seeckt zu Gebote stand, für die Existenz einer Republik lebensgefährdend sein muß. Paradoxerweise war es aber gerade Seeckt, der die Republik über die Wirren der frühen zwanziger Jahre, zwischen Putschen von links und von rechts, hinweggerettet hat. Reichspräsident Ebert hat ihm sogar im Herbst 1923 die vollziehende Gewalt übertragen, und der General hat sie nach einigen Monaten wieder zurückgegeben, ohne daß er sich zum Diktator aufgeschwungen hätte, wozu er angeblich, nach der Lesart seines Biographen Rabenau, die Gelegenheit gehabt hätte. Meier-Welcker kommt zu einem anderen, sorgfältig erwogenen Schluß: "Eine Militärdiktatur – von ihren Erfolgsaussichten abgesehen – war nur gegen Ebert möglich."